KI in Chinas Industrie:
Aus der Redaktion
Wenn Xi Jinping und Mark Zuckerberg einer Meinung sind, lohnt sich ein genauer Blick. Open-source KI ist die Zukunft, sagen beide übereinstimmend.
Alle Länder sollten „einen menschenzentrierten Ansatz verfolgen und KI für das Positive und für das Gute entwickeln“, sagte Xi im Juli auf der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai. Er präsentierte China dort als Vorkämpfer einer Open-Source-KI, die der Menschheit dient, vor allem dem Globalen Süden.
KI solle wie Wasser behandelt werden, als öffentliches Gut für alle, schrieb die Parteizeitung Renmin Ribao. Falsch sei eine „Öl-Denkweise“, die KI als knappen Rohstoff betrachtet, den man fördert und dann teuer verkauft. Die USA wurden, wie üblich, nicht ausdrücklich genannt, was auch nicht nötig war.
Wenige Wochen später zog Mark Zuckerberg nach und erklärte Open-Source-KI ebenfalls zur Zukunft der Branche. „Die Vorstellung, KI sei so gefährlich, dass der einzig sichere Weg eine extreme Konzentration von Macht ist, erscheint in sich problematisch“, schrieb der Meta-Chef.
Warum ein 2.500 Jahre alter Satz des Philosophen Laozi Chinas Wasser-Denkweise in der KI am besten erklärt, warum inzwischen sogar die US-Regierung für Open Source wirbt und warum die Verbreitung von KI die neue Soft Power der Nationen ist, lesen Sie im Deep Dive dieser Woche.
Außerdem geht es um den bevorstehenden Börsengang des Roboterherstellers Unitree, um ein neues Unterwasser-Rechenzentrum mit Offshore-Windstrom vor Shanghai und um wichtige Neuigkeiten rund um Regulierung und Politik.
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Henrik Bork
Gründer und Redaktionsleiter
China AI2X Briefing
➤ Fokus der Woche
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Unitrees Börsengang als Robotik-Lotterie
Anleger haben die Aktien des Roboterherstellers mehr als 8.000-fach überzeichnet. Investoren entdecken den Reiz der physischen KI
Unitree Robotics, der chinesische Hersteller von Roboterhunden und Humanoiden, bereitet seinen IPO in Shanghai vor. Vor dem Börsengang haben Kleinanleger die Aktien mehr als 8.000-fach überzeichnet. Einen solchen Geldrausch hat bislang kein anderes Hardware-Unternehmen der Welt entfacht.
Der Konzern will etwa 6,1 Milliarden Yuan einnehmen (rund 760 Millionen Euro), deutlich mehr als anfangs geplant. Frühe Anleger erwarten, dass sich der Börsenwert nach dem Handelsstart vervielfacht.
Der Börsengang krönt den Aufstieg des Firmengründers und Ingenieurs Wang Xingxing. Professionelle Investoren hatten ihn lange nicht ernst genommen. Er hat die sture Angewohnheit, nach eigenen technischen Lösungen zu suchen, statt zu kopieren.
Warum ist das wichtig?
Der Run auf die Unitree-Aktien und das weltweite Medienecho zeigen, wie viele Menschen mittlerweile von der Zukunft der physischen KI überzeugt sind. Nach dem Wettlauf um die großen Sprachmodelle wetten die Märkte nun auf Maschinen, die laufen, greifen und arbeiten. In die chinesische Robotik fließt gerade Geld in einem Umfang, der vor wenigen Jahren noch undenkbar war.
Hinter dem Rausch steckt die Wette, dass humanoide Roboter bald aufhören, auf Messen zu tanzen, und anfangen, in Fabriken produktiv zu arbeiten. Wie nah dieser Moment schon ist, und wie ein Außenseiter die Firma im Zentrum des Geschehens aufgebaut hat, ist im „Must Read“ dieser Woche beschrieben:
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➤ Nachrichten
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Energie: China testet ein Unterwasser-Rechenzentrum mit Offshore-Windstrom
Zehn Kilometer vor der Küste in der Nähe von Shanghai fahren chinesische Ingenieure das weltweit erste Unterwasser-Rechenzentrum hoch, das mit Offshore-Windstrom betrieben wird.
Unter der Wasseroberfläche beherbergt eine versenkte zylindrische Kabine ein Hochleistungsrechenzentrum, direkt neben mehr als 50 Offshore-Windrädern, die den Strom liefern. Die Anlage wird auf natürliche Weise vom Meerwasser gekühlt.
Warum ist das wichtig?
Das Unterwasser-Rechenzentrum ist Teil einer Strategie, die Peking „Synergie von Rechenleistung und Stromversorgung“ nennt, auf Chinesisch suandian xietong. Chinas Industriepolitik koppelt den Ausbau von KI-Kapazitäten gezielt an den Ausbau erneuerbarer Energien.
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Automobil: Cadillac bringt Momentas Weltmodell in Serie
Am 12. August hat Cadillac, die Marke des Joint Ventures SAIC-GM, seinen neuen XT5 PHEV als erstes Serienmodell mit Momentas Weltmodell R7 vorgestellt. Momenta ist ein chinesischer Entwickler von Fahrassistenzsystemen mit Sitz in Suzhou, zu dessen Investoren Mercedes-Benz gehört.
Herkömmliche Fahrassistenzsysteme konzentrierten sich vor allem darauf, die Straße und die Hindernisse unmittelbar voraus zu erkennen, so Cadillac. Das Weltmodell R7 könne „die Welt nicht nur ‚sehen‘, sondern auch ‚verstehen‘“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.
Warum ist das wichtig?
Mit dieser Kooperation drängen Cadillac und Momenta auf den chinesischen Markt für Luxus-SUVs mit leistungsstarken Fahrassistenzsystemen. Der wird zurzeit von Huawei und Tesla dominiert. Für deutsche Autofirmen wie BMW, die ebenfalls mit Momenta arbeiten, wird dieser Cadillac XT5 ein interessanter Praxistest dafür, ob Weltmodelle wirklich besser fahren als andere KI-Systeme.
Elektronik: Cambricon optimiert seine Chips für Chinas fünf führende KI-Modelle
Der chinesische KI-Chipdesigner Cambricon hat seine Prozessoren für die Inferenz von fünf großen heimischen Sprachmodellen angepasst, sagte Vorstandschef und Generalmanager Chen Tianshi. Die fünf sind GLM von Zhipu AI, DeepSeek von DeepSeek, Qwen von Alibaba, Kimi von Moonshot und MiniMax von MiniMax.
Warum ist das wichtig?
Washington verhindert den Export fortgeschrittener KI-Chips nach China, und Anthropic schließt chinesische Entwickler von der Nutzung seiner Modelle aus. Chinas Antwort ist die „lokale Substitution“, also der Versuch, sich von amerikanischer KI-Hardware und -Software unabhängiger zu machen.
Robotik: AgiBot überholt Unitree als weltgrößter Anbieter humanoider Roboter
Das Shanghaier Unternehmen AgiBot hat seinen chinesischen Rivalen Unitree Robotics überholt und ist im ersten Halbjahr 2026 zum weltweit größten Anbieter humanoider Roboter aufgestiegen. AgiBot hat zwischen Januar und Juni rund 8.400 humanoide Roboter ausgeliefert. Damit kam es auf 44 Prozent des Weltmarkts. Unitree aus Hangzhou, bislang die Nummer eins, fiel mit rund 5.900 Einheiten und einem Anteil von 31 Prozent auf den zweiten Platz zurück.
Warum ist das wichtig?
Der Hype um Unitrees Börsengang, und wie Gründer Wang Xingxing das Unternehmen aufgebaut hat, ist das Thema im Must Read dieser Woche.
Gesundheit: Drohnen mit KI liefern Kühlketten-Medikamente
Die Zweite Universitätsklinik der Zhejiang-Universität in Hangzhou setzt KI ein, um die Temperatur von Medikamenten zu kontrollieren, die per Drohne ausgeliefert werden. Der Testbetrieb, der erste seiner Art in China, nutzt 14 öffentliche Start- und Landeplätze für Drohnen in Hangzhou sowie eine Reihe „Mikro-Lager“ mit Temperaturkontrolle. Eine Auslieferung mit per KI perfekt kontrollierter Temperatur dauert im Stadtgebiet maximal 30 Minuten.
Warum ist das wichtig?
Die Drohnen mit KI könnten die Verteilung von Medikamenten in Chinas Gesundheitssystem verändern. Kliniken müssten nicht mehr jede Medikamentenkategorie an jedem Standort für die Grundversorgung lagern. Kleinere Einrichtungen blieben von den Kosten für das Lagern und den Verfall selten gebrauchter Medikamente verschont:
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➤ Zitat der Woche
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Wer KI zu Ende denkt, landet bei der Rechenleistung. Wer Rechenleistung zu Ende denkt, landet beim Strom.
➤ Zahlen der Woche
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800 Milliarden kWh
Rechenzentren und KI-Recheninfrastruktur in China sollen bis 2030 rund 800 Milliarden Kilowattstunden Strom verbrauchen, etwa 6 Prozent des gesamten chinesischen Stromverbrauchs, so die Nationale Energiebehörde. Für den 15. Fünfjahresplan rechnet die Behörde mit einem Zuwachs von mehr als 100 Milliarden kWh pro Jahr.
Quelle: Renmin Ribao (Volkszeitung)
3,54 Billionen Yuan
Der Speicherchip-Hersteller CXMT schloss am 13. August mit einer Marktkapitalisierung von 3,54 Billionen Yuan (rund 440 Milliarden Euro) und überholte damit Tencent als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen Chinas, nur wenige Wochen nach seinem Börsendebüt in Shanghai im Juli.
Quelle: 21 Shiji Jingji Baodao (21st Century Business Herald)
272%
Die weltweiten Auslieferungen humanoider Roboter stiegen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 272 Prozent auf rund 19.100 Einheiten, so das Marktforschungsunternehmen Smart Analytics Global. AgiBot löste Unitree als weltgrößten Anbieter ab.
Quelle: Smart Analytics Global (SAG)
➤ Policy- und Regulierungsupdate
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● Neue Regeln für KI-Begleiter in Kraft, Tech-Konzerne ziehen den Stecker
Viele junge Chinesinnen haben in den vergangenen Wochen geweint, weil sie ihren KI-Freund verloren haben.
Am 15. Juli haben Doubao von ByteDance und Qwen von Alibaba ihre von Nutzern erstellten KI-„Agenten“ abgeschaltet. Das sind diese virtuellen Begleiter auf dem Handy, die viele Chinesen zu Partnern und Vertrauten gemacht hatten.
Die Plattformen mussten handeln, weil am selben Tag die „Vorläufigen Maßnahmen zur Verwaltung von KI-Diensten mit menschenähnlicher Interaktion“ in Kraft traten.
Worum geht es
Für Hersteller humanoider Roboter lautet die Botschaft, dass Begleitprodukte nach denselben Maßstäben beurteilt werden wie Chatbots.
● Politbüro stuft „KI Plus“ von „umfassender“ auf „vertiefte“ Umsetzung hoch
Auf seiner Sitzung am 30. Juli 2026 forderte das Politbüro in Peking die „vertiefte Umsetzung“ der KI-Plus-Initiative der Regierung. Auf seiner Sitzung am 28. April hatte das Politbüro nur von „umfassender Umsetzung“ gesprochen.
Worum geht es
Die Änderung betreffe nur zwei chinesische Schriftzeichen, signalisiere aber, dass KI die Phase der Pilotprojekte verlassen und offiziell die Phase der breiten Anwendung erreicht habe, schrieb die Wirtschaftszeitung Zhongguo Jingji Daobao.
● Peking setzt auf die Kapitalmärkte, um das KI-Rennen zu finanzieren
Peking mobilisiert die Kraft seiner Aktien- und Anleihemärkte im Volumen von 28 Billionen US-Dollar (rund 25 Billionen Euro), um seine KI-Ambitionen zu finanzieren. Der bislang spektakulärste Fall war das Börsendebüt des Speicherchipherstellers CXMT in Shanghai im Juli.
Worum geht es
Der Zugang zu Kapital gehört seit langem zu den größten Vorteilen der USA in der Technologie. Peking versucht, diese Lücke zu schließen, indem es die Tür zu den 26 Billionen US-Dollar (rund 24 Billionen Euro) öffnet, die chinesische Haushalte gespart haben. Das ist das größte Sparvermögen der Welt.
● Stadt Peking erlässt neun Maßnahmen für „agentengeführte KI-Entwicklung“
Die Pekinger Kommission für Entwicklung und Reform hat Maßnahmen zur Beschleunigung der agentengeführten Entwicklung erlassen, veröffentlicht auf der Website der Stadtregierung am 23. Juli 2026.
Worum geht es
Peking ist noch immer vor allem als Hauptstadt bekannt, in der Kader hinter den hohen Mauern des Führungsviertels Zhongnanhai regieren. Jetzt macht sich die Stadt mit einem ehrgeizigen Plan daran, sich als einer der führenden Standorte der neuen KI-Wirtschaft im Land zu positionieren. Sie steht dabei im Wettbewerb mit Städten wie Hangzhou, Shanghai und Shenzhen.
● Peking meldet „Hintertür“ in Claude Code von Anthropic, Alibaba verbannt das Tool ganz
Dario Amodei, der Vorstandschef von Anthropic, ist für seine Abneigung gegen China bekannt. Vor allen möglichen Risiken aus dem Land zu warnen, gehört zu seiner strategischen Kommunikation. Das Unternehmen hat chinesischen Entwicklern die Nutzung seines Programmier- und KI-Tools Claude Code untersagt. Jetzt schlägt China zurück.
Chinas Nationale Schwachstellendatenbank (NVDB) warnte am 8. Juli 2026 vor einer Hintertür in Claude Code.
Worum geht es
Für CIOs auf beiden Seiten des Pazifiks ist die Wahl der KI-Programmierwerkzeuge im China-Geschäft zu einer Compliance-Frage geworden.
➤ Deep Dive
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KI als Wasser in China, KI als Öl in den USA
Xi Jinping und Mark Zuckerberg wollen auf einmal dasselbe
Chinas Staatschef und ein Tech-Milliardär aus den USA sind ein seltsames Gespann. In diesem Sommer haben sie dieselbe Idee.
Auf der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai rief Xi alle Länder dazu auf, auf Open Source zu setzen. Die Vorteile der KI gehörten der gesamten Menschheit, dozierte er. Wenige Wochen später veröffentlichte Zuckerberg einen Essay, der vor konzentrierter Kontrolle über die Technologie warnt.
Bei näherem Hinsehen handelt keiner der beiden aus reinem Altruismus. Chinesische Entwickler wie DeepSeek oder Moonshot öffnen ihre Modelle und gewinnen damit rasant globale Marktanteile. Meta, das die Konkurrenz in den Benchmarks nicht schlagen konnte, dürfte profitieren, wenn der Vorsprung geschlossener KI-Labore wie Anthropic oder OpenAI schmilzt.
Die chinesische Regierung nutzt das Werben für Open Source, um sich als verantwortungsvolle KI-Supermacht zu präsentieren, vor allem gegenüber dem Globalen Süden. Sie hat verstanden, dass die Verbreitung von KI die neue Soft Power ist. Zuckerberg wirbt für mehr Offenheit, will China aber ausschließen.
Warum das wichtig ist
Open-Source-KI rückt ins Zentrum der geopolitischen Spannungen zwischen China und dem Westen. Wer hier die technischen und rechtlichen Standards setzt, sichert sich auf Jahrzehnte hinaus eine starke Position.
Ein 2.500 Jahre alter Satz des Philosophen Laozi erklärt Chinas KI-Strategie.
Warum China die KI wie Wasser fließen lassen will und die USA sie wie Öl fördern und bepreisen, lesen Sie in unserem Deep Dive dieser Woche. Und warum Washington gerade umdenkt.





