Unitrees 8.000-facher Börsenrausch
Anleger haben die Aktien des Roboterherstellers mehr als 8.000-fach überzeichnet. Investoren entdecken den Reiz der physischen KI
Published on Aug. 18, 2026

Unitree H2 PLUS, an NVIDIA Isaac GR00T Reference Humanoid Robot. Photo credit: Unitree Robotics
Chinas Kapitalmarkt hat einen neuen Liebling. Am 10. August öffnete Unitree Robotics die Zeichnungsfrist für seinen Börsengang am STAR Market der Börse Shanghai. Die Tranche für Privatanleger war nach Angaben des Unternehmens mehr als 8.000-fach überzeichnet.
Ein Hersteller kompletter Maschinen muss wie Apple sein und die Kerntechnologien selbst beherrschen, um die Lieferkette nach den eigenen Vorstellungen zu formen, statt sich von Zulieferern einengen zu lassen.
Mit dem Listing wird Unitree zugleich der erste Hersteller humanoider Roboter an einer Festlandbörse, berichtete Reuters am 10. August 2026.
Für Kleinanleger glich das Ganze einer Robotik-Lotterie. Die Chance, tatsächlich Aktien zugeteilt zu bekommen, lag bei 0,02 Prozent, schrieb das chinesische Tech-Portal 36Kr.
Der Roboterhersteller aus Hangzhou bietet 40,45 Millionen Aktien an, ein Zehntel seiner Aktien nach dem Börsengang. Jede einzelne soll 150,80 Yuan (rund 19 Euro) kosten. So will das Unternehmen etwa 6,1 Milliarden Yuan einnehmen (rund 760 Millionen Euro), berichtete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am 11. August 2026.
Das ist deutlich mehr, als das Unternehmen in seinem ersten IPO-Antrag angepeilt hatte.
Rund 4,2 Milliarden Yuan (rund 525 Millionen Euro) davon will das Unternehmen nach dem IPO für vier Projekte ausgeben, für die Forschung an Roboter-KI-Modellen, die Entwicklung von Roboterkörpern, neue Produkte und eine neue Fertigungsbasis, heißt es im Börsenprospekt.
Zum Ausgabepreis wird Unitree mit rund 61 Milliarden Yuan (rund 7,6 Milliarden Euro) bewertet. Frühe Geldgeber halten das nur für den Beginn eines steilen Aufstiegs. „Es ist sehr vernünftig anzunehmen, dass der Börsenwert nach dem Listing 200 Milliarden Yuan übersteigt, und ich denke, kurzfristig kann er sogar 400 Milliarden Yuan überschreiten. Verglichen mit den Bewertungen ähnlicher Unternehmen in Übersee ist das nicht übertrieben“, sagte Yu Wenchao, ein früher Unitree-Investor und Partner bei Dunhong Asset, dem Portal 36Kr. Das obere Ende dieser Spanne entspricht rund 50 Milliarden Euro.
Kein Hardware-Unternehmen mit ähnlichem Umsatz hat je so viel öffentliche Begeisterung und eine so hohe Bewertung auf sich gezogen. Der Börsengang bewertet Unitree mit dem 219-fachen seines Gewinns von 2025 und dem 36-fachen seines Umsatzes, hat Reuters ausgerechnet.
Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis in Unitrees offizieller Vergleichsgruppe, dem allgemeinen Maschinenbau, liegt bei 38,56. Investoren zahlen also fast das Sechsfache des Üblichen, schrieb das chinesische Nachrichtenportal Jiemian.
Der Appetit der Investoren und das weltweite Medienecho zeigen, wie sehr sich die Welt für physische KI erwärmt. Die Verbindung künstlicher Intelligenz mit Maschinen, die sich durch die reale Welt bewegen, ist der jüngste Boom.
Goldman Sachs argumentierte in einer Analyse, US-amerikanische und nordasiatische Technologiekonzerne dominierten Halbleiter und KI-Modelle, während Chinas Chancen bei Strom, Infrastruktur und physischer KI lägen.
Für den Firmengründer Wang Xingxing vollendet der Rausch eine Wende, die selbst in der chinesischen Start-up-Szene kaum jemand hat kommen sehen.
Als ihn im März 2019 ein Investmentteam von Tencent besuchte, hatte Unitree nur noch ein paar hunderttausend Yuan auf dem Konto. Wang habe keinerlei Nervosität gezeigt, schrieb 36Kr. Auf ihn zu setzen war damals allerdings keine naheliegende Wahl.
Einer von Wangs Konkurrenten war der Liebling der frühen Investoren. Er hatte in Hangzhou eine andere Robotikfirma gegründet, Deep Robotics. Beobachter feierten sie als „Chinas Boston Dynamics“.
Der Gründer Zhu Qiuguo, Professor für Regelungstechnik an der dafür renommierten Zhejiang-Universität, wurde damit in der Branche berühmt. Ihm fehlte es selten an Kapital. 2019 bewerteten Investoren Deep Robotics mit 200 bis 300 Millionen Yuan, mehr als doppelt so hoch wie Unitree.
Unser Unitree-Gründer Wang dagegen, ein Absolvent der relativ unspektakulären Universität Shanghai, der drei Monate beim Drohnenhersteller DJI gearbeitet hatte, wirkte auf die Geldgeber weniger überzeugend. Tian Jiangchuan, geschäftsführende Partnerin von In Capital, notierte in ihren Gesprächsnotizen seinen „grassroots background“.
Auf die Investorenfrage, wie vierbeinige Roboter je Geld verdienen sollten, antwortete Wang, sie könnten in Wohnblocks ohne Aufzug die Treppen hinaufsteigen und Pakete ausliefern. Die Antwort ließ die Besucher nur den Kopf schütteln, schrieb 36Kr. Tian machte später ihre eigene „elitäre Arroganz“ dafür verantwortlich, dass sie die Firma links liegen ließ.
Was viele übersahen, war Wangs Angewohnheit, stets nach eigenen technischen Lösungen zu suchen. Um 2016, als Unitree gegründet wurde, kopierten die meisten chinesischen Robotikfirmen die hydraulischen Aktuatoren von Boston Dynamics. „Damals haben alle einfach von den Vereinigten Staaten kopiert“, sagte ein früher Unitree-Investor gegenüber dem Tech-Portal 36Kr.
Wang weigerte sich da mitzumachen. Hydraulik werde sich nie durchsetzen, argumentierte er. Die hochpräzisen Hydraulikstangen seien für die Feinbearbeitungskünste chinesischer Zulieferer zu anspruchsvoll. Ihre Kosten würden nie sinken, und ihre Steuerung sei zu grob für feine Bewegungen. Er baute Roboter mit Elektromotoren und nahm dafür weniger Spitzenleistung in Kauf. Im Gegenzug konnte er seine Prototypen zu niedrigeren Kosten und mit hoher Präzision entwickeln.
Im April 2024 stellte Boston Dynamics die hydraulische Version seines Atlas-Roboters ein und wechselte zu jenem elektrischen Antrieb, auf den Unitree schon seit 2016 gesetzt hatte. Der berühmteste Roboterbauer der Welt bestätigte damit indirekt den Weg des Außenseiters aus Hangzhou.
Die zweite einsame Entscheidung betraf die Gelenke. Chinesische Start-ups, die wie Unitree auf elektrische Antriebe setzten, kombinierten schnell drehende Motoren des Schweizer Herstellers Maxon mit Harmonic-Getrieben. Sie arbeiteten mit Untersetzungen, die das Drehmoment um das Dutzend- bis Hundertfache verstärken.
Unitree ging den umgekehrten Weg und paarte langsam drehende Motoren mit hohem Drehmoment mit einfachen Planetengetrieben. Dieses Konzept ist mittlerweile als Quasi-Direktantrieb (quasi-direct drive) bekannt.
Harmonic-Getriebe sind empfindlich, ihre hauchdünnen Zahnkränze können beim Sturz brechen. Ein einzelnes Exemplar kostet oft tausende Yuan. Ein Planetengetriebe sei dagegen ein robustes Standardteil für lächerlich billige Yuan-Beträge, berichten chinesische Quellen.
Die dritte Entscheidung warf ein Layout um, das die Branche von der Schweizer Firma ANYbotics übernommen hatte. Gewöhnlich wurden zwei Motoren am Oberschenkel und einer am Knie platziert. Das, fand Wang, macht aber den Unterschenkel sehr schwer und verschwendet Energie.
Unitree konzentrierte alle Motoren im Hüftgelenk und verbaute darunter nur eine relativ leichte Verbindungsstange. Seine Roboter laufen so besser und sind leichter zu warten. „Als ich die Struktur sah, dachte ich, das ist ein geniales Design. Sie müssen viele Iterationen durchlaufen haben, bis sie herausfanden, dass diese Struktur die beste ist“, sagte Zhou Hualin, Investment-Direktor bei Tencent Investment, gegenüber 36Kr.
Die meisten chinesischen Laufroboter folgen heute Unitrees Bauplan aus elektrischem Antrieb, Planetengetrieben und Hüftmotoren.
Dem Mainstream um Jahre voraus zu sein hatte seinen Preis. Unitree fand anfangs keine Zulieferer für seine Kernteile. Praktiker erinnern sich, eine Lieferkette für vierbeinige Roboter sei damals „so gut wie nicht existent“ gewesen. Die Motoren, die Wang wollte, langsam drehend, drehmomentstark und halb so schwer wie der Branchenstandard, gab es nirgendwo von der Stange.
„Als wir bei börsennotierten Firmen wie Wolong und Mingstar anklopften, wollten die nicht einmal mit uns reden“, erzählte ein früherer Mitarbeiter von Unitree dem Tech-Portal.
Wang Xingxing zog daraus einen Schluss, der Unitree bis heute prägt. „Ein Hersteller kompletter Maschinen muss wie Apple sein und die Kerntechnologien selbst beherrschen, um die Lieferkette nach den eigenen Vorstellungen zu formen, statt sich von Zulieferern einengen zu lassen“, wird er zitiert.
Weil er die Motoren, die er wollte, nirgendwo finden konnte, kaufte er Siliziumstahl-Bleche und Kupferdraht und wickelte sie von Hand.
Der Börsengang belegt auch, wie weit Chinas Robotikindustrie innerhalb von nur drei Jahren gekommen ist. Die Robotik steht inzwischen im 15.
Fünfjahresplan. Staatskapital strömt in das Feld. Aus diesen Gründen sind auch die Finanzierungsrunden strategischer und privater Investoren im Sektor der verkörperten Intelligenz sprunghaft gestiegen. Allein im ersten Halbjahr 2026 überstiegen sie 34,5 Milliarden Yuan (rund 4,3 Milliarden Euro), schreibt UBS.
Die Liste der Unitree-Investoren liest sich wie ein „Who' s who“ der chinesischen Wirtschaft. Zu den strategischen Investoren zählen der Nationale Sozialversicherungsfonds, der KI-Entwickler DeepSeek sowie Investmentarme oder Töchter von China National Petroleum, China Southern Power Grid, China Telecom, Tencent und CITIC Securities.
Der Rentenfonds ist der größte strategische Zeichner und übernimmt 2,31 Prozent des Angebots für rund 141 Millionen Yuan (rund 18 Millionen Euro). Der direkte Staatsanteil ist klein, liegt bei 0,67 Prozent der Aktien, gehalten über die Shenzhen Capital Group und ihre Tochter.
Staatsnahe Fonds halten größere Positionen, allen voran der Beijing Robotics Industry Development Fund mit 3,83 Prozent und der China Internet Investment Fund mit 2,11 Prozent, so die Zahlen des Prospekts. Der Lieferdienst Meituan, der halb China sein Mittagessen bringt, bleibt mit 9,65 Prozent der größte Außeninvestor. Wang behält die Kontrolle über sein Unternehmen.
Humanoide machen die Schlagzeilen, aber sein Geld macht Unitree bis heute vor allem mit Roboterhunden. Von 2023 bis 2025 verkaufte Unitree 33.294 vierbeinige Roboter und 5.632 Humanoide, steht im IPO-Prospekt. Die Auslieferungen von Humanoiden überstiegen 2025 die Marke von 5.500 Stück, die höchste Zahl weltweit, sagt Wang.
Der Börsengang mag stark überzeichnet sein, ein reiner Hype ist er mitnichten. Der Umsatz von Unitree stieg im vergangenen Jahr auf mehr als das Vierfache, auf 1,7 Milliarden Yuan (rund 210 Millionen Euro), nach knapp 400 Millionen Yuan im Jahr 2024. Und das Unternehmen ist profitabel, eine Seltenheit unter Humanoiden-Startups, mit einem bereinigten Nettogewinn von rund 600 Millionen Yuan (rund 75 Millionen Euro), wie Reuters berichtete.
Kunden im Ausland steuerten mehr als 40 Prozent des Umsatzes bei.
Seinen Titel als globaler Verkaufschampion von Humanoiden musste Unitree allerdings vor kurzem abgeben. Im ersten Halbjahr 2026 lieferte das Shanghaier Unternehmen AgiBot rund 8.400 humanoide Roboter aus und übernahm mit einem Marktanteil von 44 Prozent weltweit die Spitzenposition, während Unitree mit rund 5.900 Stück auf 31 Prozent kam, schrieb kürzlich das Marktforschungsinstitut Smart Analytics Global.
AgiBot steigerte seine Auslieferungen um 562 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Geholfen hat eine Produktpalette, die vom großen zweibeinigen Modell bis zur kompakten Version auf Rädern reicht. Zusammen standen die beiden Rivalen für rund drei Viertel der 19.100 humanoiden Roboter, die in diesen sechs Monaten weltweit ausgeliefert wurden. Diese Zahl wiederum ist innerhalb eines Jahres um 272 Prozent gewachsen.
Deep Robotics, die Firma des Zhejiang-Professors Zhu Qiuguo, die Investoren einst Unitree vorgezogen hatten, reichte im Mai ihren Prospekt für ein Listing in Shanghai über rund 2,5 Milliarden Yuan (rund 310 Millionen Euro) ein, berichtete das Wirtschaftsportal Caixin.
Die Firma des Professors folgt dem Außenseiter nun an die Börse.
Weitere Rivalen planen eigene Börsengänge. Leju Robotics, Hersteller des Humanoiden Kuavo, beantragte im Mai ein Listing an der Technologiebörse ChiNext in Shenzhen. AgiBot begann im Juli mit den Vorbereitungen für einen Börsengang in Hongkong, berichteten mehrere Medien übereinstimmend.
Die ganze Branche schaut nun auf Unitree und dessen bevorstehenden IPO. Erreicht das Unternehmen einen Börsenwert von hunderten Milliarden Yuan, fühlt sich jeder bestätigt, der ehrgeizig in verkörperte Intelligenz investiert hat. Ein Absturz unter den Ausgabepreis dagegen könnte Zweifel auslösen.
