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KI als Wasser in China, KI als Öl in den USA
Xi Jinping und Mark Zuckerberg wollen auf einmal dasselbe
Published on Aug. 18, 2026

Soll Künstliche Intelligenz als knapper Rohstoff behandelt werden, wie Öl, und entsprechend bepreist? Oder als öffentliches Gut, wie Wasser, das der ganzen Menschheit gehört, auch den Armen und allen Menschen im Globalen Süden?
Chinas Staatspräsident Xi Jinping hat sein Land gerade als Verfechter des Wasser-Ansatzes positioniert. Auf der jüngsten World Artificial Intelligence Conference (WAIC) in Shanghai sagte Xi, alle Länder sollten „einen menschenzentrierten Ansatz verfolgen und KI für das Positive und für das Gute entwickeln“.
Open-Source-KI-Modelle seien die Antwort, argumentiert der chinesische Präsident. „Als neuer Motor des weltwirtschaftlichen Wachstums und Beschleuniger beim Wechsel der Wachstumstreiber bewegt sich die KI aus der digitalen Welt in die physische Welt. Wir sollten diese seltene, historische Gelegenheit ergreifen, um Open Source, Offenheit, Zusammenarbeit und Teilen zu fördern“, sagte Xi Jinping in seiner Grundsatzrede auf der WAIC am 17. Juli 2026, wie die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.
Der chinesische Staatschef versprach, Entwicklungsländern besseren Zugang zu KI zu verschaffen. So könne „diese Spitzentechnologie der Menschheit besser dienen“. Zugleich wiederholte er seinen früheren Vorschlag einer „globalen Governance“ für die Risiken der KI. „Wir sollten echten Multilateralismus praktizieren und die wichtige Rolle der Vereinten Nationen anerkennen“, sagte Xi.
Peking will als Gegenmodell zu den USA wahrgenommen werden, wo die Regierung mit Exportkontrollen gegen China die Oberhand im KI-Rennen behalten will und wo mit Anthropic ein führendes KI-Unternehmen chinesischen Entwicklern die Nutzung seiner Modelle untersagt.
Die Parteizeitung Renmin Ribao hatte dies schon im Vorfeld der KI-Konferenz klargemacht. Die USA wurden in dem Leitartikel zwar nicht explizit genannt. Dennoch verstand jeder, dass sie gemeint waren.
„Derzeit existieren zwei grundverschiedene Ansätze der KI-Entwicklung nebeneinander. Einige Medien haben sie als ‚Öl-Denkweise‘ und als ‚Wasser-Denkweise‘ beschrieben. Erstere betrachtet Daten und Rechenleistung als knappe und exklusive Ressourcen und fördert Barrieren, Blockaden und Nullsummen-Wettbewerb. Letztere versteht Künstliche Intelligenz als inklusives öffentliches Gut und fördert Vernetzung, Teilen und für alle Seiten nützliche Zusammenarbeit“, schrieb die Zeitung.
China hat verstanden, dass Open-Source-KI und die weit verbreiteten Open-Weight-Modelle von DeepSeek, Kimi oder Alibaba ein wichtiges Vehikel nationaler Soft Power sind.
Wenn in China trainierte Modelle Nutzerfragen in aller Welt beantworten, könnten chinesische Werte eines Tages so universell verbreitet sein, wie es die amerikanischen heute dank Hollywood und seiner Traumfabrik sind, denkt man in Peking.
Allerdings basiert Soft Power auch auf Vertrauen. Schon heute beklagen manche Nutzer chinesischer Modelle, dass die Antworten zu heiklen politischen Themen Pekings Zensur verraten, oder möglicherweise eine vorauseilende Selbstzensur der chinesischen Modellhäuser.
Dieses Argument ist aber zweischneidig. Wenn jede Nation ihre kulturellen Werte und wohl auch ihre Vorurteile in die Spitzenmodelle einfließen lässt, die sie trainiert, wird es auf lange Sicht entscheidend, die eigenen Modelle in die Welt zu tragen.
„Wollen wir Geschichten über die Bedeutung von Freiheit und demokratischen Werten erzählt bekommen, oder Geschichten, die die Werte anderer Nationen spiegeln? Wenn jemand einer KI eine Frage stellt, etwa was 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschah, dann bestimmt das verwendete Modell, wessen Werte die Antwort trägt. Die eigene Technologie in die Welt zu bringen ist deshalb eine gewaltige Quelle von Soft Power“, sagte der KI-Pionier Andrew Ng kürzlich auf einer Podiumsdiskussion in Los Angeles.
Ng war Mitgründer von Google Brain und Chefwissenschaftler des chinesischen Technologiekonzerns Baidu. Heute zählt er zu den einflussreichsten Vordenkern der KI. Dass chinesische Unternehmen viele Open-Weight-Modelle veröffentlicht haben, nennt er einen „brillanten Schachzug“, schrieb das Magazin Noema.
Beide Regierungen, die chinesische wie die amerikanische, werben inzwischen offiziell für Open-Source-KI als Teil ihrer nationalen Strategien. Der US-Plan „Winning the Race: America's AI Action Plan“ ermuntert kleine und mittlere Unternehmen im eigenen Land, offene Modelle einzusetzen.
Das Dokument betone die Bedeutung eigener offener Modelle, „damit Amerika über führende offene Modelle verfügt, die auf amerikanischen Werten gründen“. Ihr Potenzial, globale Standards in Wirtschaft und Forschung zu werden, verleihe ihnen „geostrategischen Wert“, schreibt die Denkfabrik RAND.
Die überparteiliche Denkfabrik, die zum großen Teil von der US-Regierung finanziert wird, kommt zu dem Schluss, dass Washington noch mehr für einheimische Open-Source- oder Open-Weight-Modelle tun sollte, um nicht hinter die chinesische Konkurrenz zurückzufallen. Sie zitiert einen Befund des US Center for AI Standards and Innovation, wonach die Downloads von DeepSeek auf Modell-Plattformen nach der R1-Veröffentlichung vom Januar 2025 um fast 1.000 Prozent gestiegen sind.
Amerikanische Experten empfehlen ihrer Regierung damit genau das, was China bereits tut. Chinesische Entwickler wie DeepSeek, Alibaba, Zhipu und Moonshot stellen ihre Modelle kostenlos zum Download bereit. Jeder darf sie prüfen und anpassen. Das Verschenken wirke wie ein Turbolader für die globale Verbreitung und Nutzung der Modelle, berichtete Bloomberg.
Diese Modelle sind dann auch noch günstiger im Betrieb. Immer mehr Unternehmen in aller Welt, darunter viele Startups im Silicon Valley, lassen KI-Aufgaben damit auf eigenen Servern laufen und sparen Inferenzkosten. Zuletzt machten zwei neue chinesische Modelle international Schlagzeilen, Kimi K3 von Moonshot und Qwen3.8-Max-Preview von Alibaba. In bestimmten Benchmarks liegen sie nur noch knapp hinter den besten amerikanischen Modellen.
„Weil sie Open Source sind, kann jeder, der halbwegs mit der neuen Technik vertraut ist, maßgeschneiderte Programme erstellen, anders als bei den restriktiven Nutzungsvorgaben der KI-Anbieter in den USA“, schrieb die South China Morning Post in Hongkong. Die Veröffentlichungen seien als „zweiter DeepSeek-Moment“ bezeichnet worden, berichtete das Blatt.
Für KI-Entwickler in vielen Ländern und für internationale Unternehmen, die KI in immer mehr Geschäftsprozesse integrieren, dürfte die Zensur bestimmter politischer Themen weniger wiegen als die niedrigeren Token-Kosten chinesischer Modelle. Dazu kommt die verlockende Möglichkeit, Open-Source- oder Open-Weight-Modelle auf eigenen Servern anzupassen, sodass sensible Firmendaten mit niemandem geteilt werden müssen.
In der Frage der Open-Source-KI hat Chinas Präsident Xi Jinping einen unerwarteten Verbündeten gefunden, Mark Zuckerberg. In einem 6.500 Wörter langen Essay, veröffentlicht am 10. August 2026, argumentierte der Chef des Konzerns Meta Platforms sinngemäß, nichts weniger als die Zukunft der Branche hänge von einem breiteren Zugang zu KI-Modellen ab.
„Die Vorstellung, KI sei so gefährlich, dass der einzig sichere Weg eine extreme Konzentration von Macht ist, erscheint in sich problematisch“, schrieb Zuckerberg. Beobachter werteten das auch als Angriff auf die geschlossene KI-Vision von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic.
Zuckerbergs Konzern hatte stark in seine offene Modellfamilie Llama investiert, die das Silicon Valley dann aber „letztlich enttäuschte“, schrieb Bloomberg. Im vergangenen Jahr schwenkte Meta um und setzte auf eine neue Modellgeneration, die der Konzern geschlossen halten und verkaufen kann.
Nun wirbt Zuckerberg plötzlich wieder für offene Modelle und hat Metas neues Open-Weight-System Muse Glimmer angekündigt. Zugleich sprach er sich dafür aus, die amerikanischen Exportverbote fortzusetzen, die Chinas Fortschritte in der KI bremsen sollen.
Offenheit muss Grenzen haben, denkt Zuckerberg offensichtlich. Embargos für fortgeschrittene Hardware, die chinesische KI-Wettbewerber kleinhalten, sind ihm sehr willkommen.
Pekings Umarmung von Open Source in der KI ist auch eine Abwehrreaktion auf genau solche amerikanischen Versuche, Chinas wachsende wirtschaftliche und militärische Macht einzudämmen. Chinas Chiphersteller setzen seit längerem auf die offene RISC-V-Technologie, um US-Beschränkungen bei fortgeschrittenen Chips und den zugehörigen Spezifikationen zu umgehen. Open-Source-KI-Modelle sollen nun einen ähnlichen Ausweg aus der amerikanischen Dominanz ermöglichen.
Chinesische Experten räumen meist ein, dass die großen KI-Modelle aus den USA derzeit noch überlegen sind, auch wenn der Abstand schnell schrumpft. Die größte Chance ihres Landes sehen sie in einem frühen Vorsprung bei der physischen KI, also dort, wo immer leistungsfähigere Modelle auf die riesige, sich rasant modernisierende industrielle Lieferkette Chinas treffen.
Open-Source- und Open-Weight-Modelle erleichtern chinesischen Ingenieuren die Arbeit, wenn sie eine Vielzahl praktischer Anwendungen branchenspezifischer Modelle erproben. Sie beschleunigen zudem die Verbreitung neuer Automatisierungslösungen über ganze Industriezweige hinweg.
Xi Jinping sagte in Shanghai, die KI bewege sich gerade aus der digitalen in die physische Welt, und nannte das eine „seltene, historische Gelegenheit“. Chinesische Beamte und KI-Entwickler interessieren sich weniger für die vorderste Front der Forschung, etwa die Künstliche Allgemeine Intelligenz (AGI), als ihre amerikanischen Kollegen. Dafür suchen sie umso intensiver nach praktischen KI-Anwendungen in der Fertigung, der Biotechnologie oder den erneuerbaren Energien.
Der Vergleich von Öl und Wasser, den die Renmin Ribao bemüht, wurzelt in der chinesischen Philosophie. Er sollte nicht als einer der Propaganda-Hiebe gegen „amerikanische Profitgier“ missverstanden werden, für die das Blatt sonst recht bekannt ist. Die Metapher erklärt hier vielmehr das sehr verschiedene Denken hinter dem chinesischen und amerikanischen Umgang mit KI.
So gut wie alle gebildeten Chinesen kennen einen Satz aus dem Daodejing des Laozi. „Shang shan ruo shui, shui shan li wan wu er bu zheng“ lässt sich übersetzen mit „Das höchste Gut ist wie das Wasser. Das Wasser nützt allen Dingen und streitet nicht.“
Künstliche Intelligenz gilt in China folglich als etwas, das alle Boote hebt. Sie ist mehr als eine kommerzielle Ware, ja selbst mehr als ein gewöhnliches öffentliches Gut. Wer immer sie für einen eng definierten Wettbewerb einspannen will, sei es ein Unternehmen oder eine Nation, kämpft diesem Verständnis zufolge gegen ihre Natur.
In seiner WAIC-Rede in Shanghai zitierte der chinesische Präsident noch ein weiteres Sprichwort. „Wir sagen in China oft, ‚Eine einzelne Saite macht keine Musik, und ein einzelner Baum macht keinen Wald.‘ Die Entwicklung der KI sollte kein Soloauftritt eines einzelnen Landes sein, sondern eine Sinfonie internationaler Zusammenarbeit“, sagte er.
China hat gerade einen entschlossenen Versuch unternommen, sich als verantwortungsvolle, inklusive KI-Supermacht zu positionieren. Kritiker werden das zweifellos als Propaganda abtun. Es ist aber auch eine kraftvolle Vision. Sie wird überall dort auf fruchtbaren Boden fallen, wo sich Menschen gerade fragen, ob sie eines Tages selbst zur Zielscheibe amerikanischer KI-Exportverbote werden könnten.
