KI in Chinas Industrie:
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Künstliche Intelligenz ist noch relativ neu, zumindest für die meisten von uns. Kein Wunder also, dass weltweit noch keine Einigkeit darüber herrscht, was KI eigentlich IST.
Für die einen ist sie ein Zauberstab. Für die anderen das neueste Werkzeug des Teufels. China betrachtet KI, wie sich herausstellt, überraschend nüchtern einfach als eine weitere Form von Infrastruktur.
Die Regierung in Peking plädiert dafür, Rechenzentren und KI-Rechenleistung „maßvoll über den Bedarf hinaus“ aufzubauen. Dabei stehen manche Anlagen in den Provinzen schon jetzt leer.
Erst bauen, die Nachfrage wird schon kommen. Die Logik ist einfach. So wie erst eine Brücke über eine Schlucht gebaut werden muss, bevor sich Unternehmen in einem abgelegenen Tal ansiedeln können, muss die Rechenleistung bereitstehen, sobald die Nachfrage nach KI-Token explodiert.
Unser Deep Dive beschäftigt sich diese Woche genauer mit diesem Thema. Dabei fragen wir auch, wie günstige und leicht verfügbare KI in China die Wettbewerbslage für ausländische Hersteller verändern wird. Und glauben Sie mir bitte, das wird sie.
Außerdem schauen wir uns an, wie sich Momenta mit Stellantis verbündet, um chinesische Fahrassistenz auf den Weltmarkt zu bringen. Wir erklären, warum die Taschen Ihrer Jeans bald von einem Roboter aufgenäht werden und warum „China Southern Power Grid“ gemeinsam mit Unitree Roboter entwickelt, die Eis von Stromleitungen kratzen sollen.
Henrik Bork
Gründer und Redaktionsleiter
China AI2X Briefing
➤ Fokus der Woche
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Momenta und Stellantis bringen chinesische Fahrassistenz auf den Weltmarkt
Eine globale strategische Partnerschaft für Peugeot und Jeep soll Chinas Entwicklungstempo und Technologie exportieren
Momenta hat sich einen Platz bei der Entwicklung neuer Peugeot- und Jeep-Modelle für China, Europa und weitere Märkte gesichert. Der chinesische Anbieter von Fahrassistenztechnik hat gerade eine strategische Vereinbarung mit dem Gemeinschaftsunternehmen „Dongfeng Stellantis Automotive Technology“ in Wuhan unterzeichnet.
Stellantis erhält für seine etablierten Weltmarken Zugang zu Momentas Software und dessen Erfahrung mit schnellen Iterationen bei der Entwicklung. Momenta wiederum kann von den Fahrzeugprogrammen und der weltweiten Vertriebsreichweite von Peugeot und Jeep profitieren.
Warum ist das wichtig?
Wird diese Partnerschaft erfolgreich, eröffnet sie chinesischen Fahrassistenzsystemen einen neuen Weg ins Ausland. Bisher konnten die Entwickler entweder darauf hoffen, dass ihre Systeme in chinesischen Autos exportiert werden. Oder sie lieferten Fahrassistenz für die ausschließlich in China verkauften Modelle internationaler Hersteller.
In unserem Must Read untersuchen wir, wie Momenta sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte, indem es die Produktentwicklung gemeinsam mit einem internationalen Autohersteller bestimmt. Wir fragen, wie chinesische KI-Weltmodelle mit französischer Fahrwerksabstimmung und amerikanischen Offroad-Ansprüchen zusammenpassen. Und welche regulatorischen und politischen Hürden in Europa auf diese mutige Wette auf die Zukunft des autonomen Fahrens warten.
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➤ Nachrichten
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KI + Elektronik: DeepSeek baut die Software für Huaweis Chips
DeepSeek hat Open-Source-Software für Huaweis Ascend-Chips veröffentlicht und nimmt damit eine kostspielige Hürde für chinesische KI-Hardware ins Visier. Das Paket passt zentrale Teile seiner KI-Softwareinfrastruktur an Huaweis Plattform an. Es eröffnet einen Weg aus Nvidias Ökosystem. Unabhängige Leistungsvergleiche fehlen allerdings noch.
Warum ist das wichtig?
Für Unternehmen, die chinesische Chips erwägen, können die Kosten der Softwareumstellung ebenso wichtig sein wie die Hardware.
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KI + Energie: Stromnetzbetreiber entwickeln ihre Roboter mit
China Southern Power Grid und Unitree wollen gemeinsam Roboter für gefährliche Arbeiten am Stromnetz entwickeln. Die Partnerschaft gibt dem Roboterhersteller Zugang zu anspruchsvollen Aufgaben und realen Betriebsbedingungen, von Inspektionen bis zum Entfernen von Eis auf Hochspannungsleitungen.
Warum ist das wichtig?
Versorger könnten Chinas Roboterherstellern die Folgeaufträge und Trainingsumgebungen bieten, die sie zum Wachsen brauchen.
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KI + Fertigung: Ningbo lässt Roboter an Jeans arbeiten
Roboter helfen, die Bekleidungsproduktion in Ningbo zu automatisieren. Hersteller erproben dort verkörperte KI, also in Robotern eingesetzte künstliche Intelligenz, an wiederkehrenden Fabrikaufgaben. Lokale Komponentenhersteller nutzen ihre vorhandene industrielle Erfahrung, um auch Roboterhersteller zu beliefern.
Warum ist das wichtig?
Ningbo testet, ob KI traditionelle Branchen trotz steigender Löhne und sinkender Geburtenraten wettbewerbsfähig halten kann.
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KI + Wissenschaft: China vernetzt KI-Labore über Panshi
Die Chinesische Akademie der Wissenschaften hat Panshi ScienceOne gestartet, um Forschungsdaten, KI-Modelle, wissenschaftliche Anlagen und autonome Labore zu verbinden. Fast 100 Organisationen haben sich dem Verbund angeschlossen. Ein Begleitprogramm soll die gemeinsame Nutzung von Rechenkapazität und Werkzeugen fördern.

Panshi (ScienceOne), an AI platform and scientific foundation model developed by the Chinese Academy of Sciences.
Warum ist das wichtig?
Gemeinsame Forschungsinfrastruktur könnte Doppelarbeit verringern und Unternehmen helfen, Entdeckungen in technische Anwendungen zu überführen.
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➤ Zitat der Woche
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Der KI-Investitionszyklus belebt die Wirtschaft in der gesamten Region auf breiter Front. Die Binnennachfrage entwickelt sich in den einzelnen Volkswirtschaften jedoch weiterhin uneinheitlich.
➤ Zahlen der Woche
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36,8 Prozent
China nutzte 2025 nur 36,8 Prozent seiner verfügbaren KI-Rechenkapazität, wie Daten der Chinesischen Akademie für Informations- und Kommunikationstechnologie zeigen. Die Regierung will, dass die Infrastruktur bereitsteht, wenn die Nachfrage steigt. Allerdings hat sie begonnen, Lokalregierungen zu bremsen, die beim Ausbau zu schnell vorpreschen.
Quelle: Finanzzeitung Zhengquan Shibao
Etwa 70 Prozent
Etwa 70 Prozent der von der Fudan-Universität befragten Ärzte haben bereits Patienten behandelt, die KI-generierte Gesundheitsinformationen in die Sprechstunde mitbrachten. Nach „Dr. Google“ oder, in China, „Dr. Baidu“ müssen Ärzte nun lernen, mit „Dr. KI“ zu leben.
Quelle: Shangguan Xinwen (Shanghai Observer)
62,22 Billionen gegenüber 14,2 Billionen
Die chinesischen KI-Modelle in der Rangliste von OpenRouter verarbeiteten in der Woche vom 21. bis 27. September 62,22 Billionen Token. Auf die US-Modelle entfielen 14,2 Billionen. Damit lagen die chinesischen Modelle auf dieser Plattform zum 22. Mal in Folge im Wochenvergleich vorn.
Quelle: Wirtschaftszeitung Meiri Jingji Xinwen
➤ Policy- und Regulierungsupdate
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● KI-Aufsicht: Peking setzt auf risikobasierte Regulierung
China solle sich auf die Aufsicht über KI-Anwendungen mit hohem Risiko konzentrieren, weniger riskanten Innovationen dagegen mehr Freiraum lassen. Eine risikobasierte Regulierung könne die Verbreitung von KI besser fördern. Es sei unnötig, jede Anwendung denselben scharfen Kontrollen zu unterwerfen, berichtete Renmin Wang, die Webseite der parteinahen Volkszeitung (Renmin Ribao) am 28. September 2026.
Als Beispiel nennt der Kommentar KI-Halluzinationen, also plausibel klingende, aber falsche Antworten eines Modells. In einem Alltagsgespräch mag das die Nutzererfahrung beeinträchtigen. Bei medizinischen Diagnosen, Finanzdienstleistungen oder in der industriellen Produktion können die Folgen weit schwerwiegender sein, so die Argumentation.
Der Kommentar verweist auf die Vorschläge des 15. Fünfjahresplans für eine abgestufte Regulierung von Technologieanwendungen und die Kontrolle von KI-Risiken über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Dazu gehören Überwachung, Warnungen und Maßnahmen für den Notfall. Der Autor plädiert zudem für berechenbare Regeln und warnt, zu früh erlassene Detailvorgaben könnten das Experimentieren mit neuen KI-Lösungen einschränken.
Worum geht es
China vernachlässigt die Risiken der KI nicht, hält sie aber für beherrschbar. Der hier vertretene abgestufte Ansatz dürfte sich in den kommenden Monaten und Jahren in vielen Gesetzen und Vorschriften für KI wiederfinden.
Noch wird viel diskutiert. Dennoch liefert die Debatte aber schon Anhaltspunkte dafür, was auf ausländische Unternehmen in China zukommt. Wer in China KI einsetzt, sollte zwischen Werkzeugen unterscheiden, deren Fehler geringe Folgen haben, und Systemen, deren Fehler Patienten, Kunden oder die Produktion schädigen könnten. Unternehmen sollten erklären können, wie ihre Kontrollen diesen Unterschieden Rechnung tragen.
● Infrastruktur: Fünf Behörden legen Kriterien für grüne Rechenzentren fest
Chinas Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT und vier weitere Behörden rufen dazu auf, Anlagen aus dem ganzen Land für die Klassifizierung als „grüne Rechenzentren 2026“ vorzuschlagen. Bewerben können sich sowohl normale, als auch spezielle KI-Rechenzentren. Das Ministerium hat seinen Aufruf am 21. September 2026 veröffentlicht.
Bewerber müssen klare Eigentumsverhältnisse, eigene Stromversorgungs- und Kühlsysteme sowie einen durchgängigen, stabilen Betrieb der gesamten Anlage seit mehr als einem Jahr nachweisen. Große und sehr große Anlagen, die nach 2022 gebaut wurden, sollen grundsätzlich an ausgewiesenen nationalen Knotenpunkten des Rechennetzes oder in Pilotzonen liegen.
In der Regel müssen die Anlagen mindestens 3.000 standardisierte Serverracks und eine Rack-Auslastung von mindestens 60 Prozent aufweisen. Rechenzentren öffentlicher Einrichtungen, der Finanzbranche und für KI sind von der Rack-Mindestzahl ausgenommen.
Worum geht es
Die Zentralregierung in Peking verschärft die Vorgaben, während einige Rechenzentren in manchen Provinzen weitgehend ungenutzt sind, während andere Aufträge ablehnen müssen. Mehr Aufsicht soll einen geordneten Ausbau der KI-Rechenleistung beschleunigen, die wo immer möglich mit grünem Strom betrieben werden soll.
● Banken: Ping An unterstellt KI-Aufsicht dem Verwaltungsrat
Die Ping An Bank hat interne Regeln für das KI-Management beschlossen. Die Aufsicht übernimmt der Strategieausschuss des Verwaltungsrats. Mit den Maßnahmen setze die Bank Vorgaben um, die die Nationale Finanzaufsichtsbehörde im Juni erlassen habe, berichtete der Finanznachrichtendienst Cailianshe am 1. Oktober 2026.
„Wer sie nutzt, trägt die Verantwortung“, lautet dem Bericht zufolge einer der Grundsätze des Regelwerks. Die Maßnahmen sehen Kontrollen über den gesamten KI-Lebenszyklus vor. Sie betreffen Datensicherheit, algorithmische Risiken, ethische Prüfungen und die Nachvollziehbarkeit von Verantwortlichkeiten. KI-Risiken werden nach Kategorien und Stufen in das gesamte Risikomanagement der Bank eingebunden.
Bis Ende Juni hatte die Ping An Bank mehr als 450 Anwendungen großer KI-Modelle eingeführt, darunter solche für zielgenaues Marketing, automatisierte Anlageberatung, Compliance, Risikokontrolle und die Verwaltung. Die neuen Regeln verlangen unter anderem, dass Verwaltungsräte von Banken und Versicherern, die KI entwickeln und nutzen, einen speziellen Ausschuss mit deren Beaufsichtigung betrauen, heißt es in dem Bericht.
Worum geht es
Für KI-Anbieter, die chinesische Banken beliefern, ist die technische Leistung nur ein Teil der Anforderungen. Banken müssen die eingekauften Systeme auch kontrollieren können. Ping Ans Vorgehen legt nahe, dass Lieferanten darauf vorbereitet sein sollten, Risiken zu dokumentieren, Prüfungen zu unterstützen und ihren Kunden zu helfen, bei Fehlfunktionen die Verantwortlichkeiten transparent zu machen.
● Diplomatie: China und die USA vereinbaren einen Kommunikationskanal für KI-Zwischenfälle
China und die USA haben einen KI-Dialog und einen Kommunikationskanal für KI-Zwischenfälle vereinbart. Beide Länder könnten so ihre Einschätzungen zu Risiken und Chancen der Technologie austauschen, heißt es in einem Kommentar der Wirtschaftszeitung Jingji Ribao vom 1. Oktober 2026, den das Portal Zhongguo Jingji Wang veröffentlichte.
Die Vereinbarung wurde beim jüngsten amerikanisch-chinesischen Gipfel in Washington getroffen. Peking plädiert weiterhin dafür, dass die Vereinten Nationen die globale KI-Regulierung übernehmen. China sei aber auch bereit, sich in einem zwischenstaatlichen KI-Dialog mit Washington auszutauschen, sagte Außenamtssprecher Guo Jiakun am 28. September einem Bericht der „Jugendzeitung“ Zhongguo Qingnian Bao zufolge.
Worum geht es
Beide Supermächte signalisieren, dass sie sich der Cybersicherheitsrisiken und der militärischen Risiken von KI bewusst sind. Sie haben einen ersten Minimalmechanismus vereinbart, um mögliche Krisen zu bewältigen. Den chinesischen Vorschlag einer umfassenderen gemeinsamen KI-Aufsicht haben die USA jedoch abgelehnt.
➤ Deep Dive
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China Dreht den KI-Wasserhahn so richtig auf
Neben Wasserleitungen und Stromnetzen fördert Chinas Zentralbank nun auch Investitionen in Rechenzentren.
Für China ist künstliche Intelligenz eine neue Form von Infrastruktur. Pekings Planer stellen Rechenkapazität auf eine Stufe mit Stromnetzen, Wasserversorgung, Straßen und Bahnstrecken. Dieser Ansatz lässt sich gut an der aktuellen Geldpolitik des Landes ablesen.
Günstige Kredite der chinesischen Zentralbank stehen nun auch für das landesweite „Rechennetz“ bereit. Es gehört zu den sechs geförderten „Netzen“, zu denen etwa das Stromnetz, Pipelines und Wasserleitungen zählen.
Einen Tag zuvor hatte das Kabinett unter Ministerpräsident Li Qiang gefordert, möglichst rasch mit dem Ausbau der KI-Infrastruktur und der anderen Netze im großen Stil zu beginnen. Allein für das Rechennetz sind neue Investitionen von umgerechnet mehreren Hundert Milliarden Euro vorgesehen. Den größten Teil davon sollen allerdings Unternehmen bezahlen.
Geplant ist, „maßvoll über den Bedarf hinaus“ zu bauen, wie es ein hoher Beamter formuliert. Die Logik dahinter ist ebenso einfach wie überzeugend. So wie man manchmal erst eine Brücke über eine Schlucht bauen muss, bevor sich Unternehmen in einem abgelegenen Bergtal ansiedeln können, braucht es Rechenzentren, die der Industrie die KI-Token für ihr Wachstum liefern.
Warum das wichtig ist
Das Silicon Valley und weite Teile der westlichen Welt sind von den leistungsfähigsten KI-Modellen fasziniert und zugleich verängstigt. Peking konzentriert sich auf KI in Fabriken, Häfen und Krankenhäusern. Die nötigen Kapazitäten werden schon jetzt gebaut, bevor Kunden oder Patienten überhaupt danach fragen.
Wird dieser Plan wie in China üblich konsequent umgesetzt, dann steht Herstellern in China KI bald als günstige Grundversorgung zur Verfügung. Das würde auch die Wettbewerbslage für jedes ausländische Unternehmen verändern, das in China tätig ist oder mit der chinesischen Industrie konkurriert.
Wie viele Rechenzentren in China derzeit noch ungenutzt sind, während andere keine freien Kapazitäten mehr haben, wie Peking Rechenzentren mit grünem Strom verknüpft und was all das für Unternehmen in Europa und anderswo bedeutet, lesen Sie im Deep Dive dieser Woche.




