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CHINA AI2X BRIEFING

How AI is reshaping China’s Industries


➤ Deep Dive

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Den KI-Hahn aufdrehen

Neben Wasserleitungen und Stromnetzen fördert Chinas Zentralbank nun auch Investitionen in Rechenzentren.

Published on Oct. 08, 2026

China behandelt künstliche Intelligenz wie jede andere Infrastruktur. Aus Pekings Sicht gehört Rechenleistung für KI ebenso zur Grundversorgung der Wirtschaft und der Bürger wie das Stromnetz und die Wasserversorgung. Sie muss daher zuerst bereitgestellt werden, bevor sie von Unternehmen genutzt werden kann und Wirtschaftswachstum generiert.

Diese neue Infrastruktur braucht Investitionen aus „geduldigem Kapital“ und soll aufgebaut werden, bevor die Nachfrage explodiert. Deshalb hat die chinesische Zentralbank, die People’s Bank of China (PBOC), am 29. September 2026 den Zinssatz für ihr Programm Pledged Supplementary Lending (PSL) gesenkt. Über dieses Instrument erhalten Chinas staatliche Förderbanken günstiges Geld. Die Zentralbank gab den Schritt auf ihrer Website bekannt (auf Chinesisch).

Der Zinssatz für einjährige Kredite wurde von 1,75 auf 1,5 Prozent gesenkt, um „den Förderbanken einen stärkeren Anreiz zu geben, die Realwirtschaft zu unterstützen und nationalen Strategien zu dienen“, schrieb die PBOC.

Der Ausbau der Rechenleistung wird ausdrücklich als Ziel genannt. „Der Bau der ‚sechs Netzwerke‘ wird in den Förderbereich des PSL aufgenommen.

Dazu zählen das Wasserversorgungsnetz, ein Stromnetz neuen Typs, ein Netzwerk von Rechenzentren, das Telekom-Netzwerk der neuen Generation, die städtischen unterirdischen Leitungsnetze und das Logistiknetz“, heißt es in der Mitteilung.

Damit lassen sich Rechenzentren und ihre Vernetzung untereinander mit denselben günstigen staatlichen Krediten finanzieren wie Mobilfunkantennen oder Stromleitungen.

Der Schritt der Zentralbank war eine politische Entscheidung. Einen Tag zuvor hatte der Staatsrat nach einer Sitzung unter dem Vorsitz von Ministerpräsident Li Qiang erklärt, dass „die im 15. Fünfjahresplan und im Umsetzungsplan für die ‚sechs Netzwerke‘ vorgesehenen Großprojekte so früh wie möglich in Bau gehen müssen“, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua (auf Chinesisch).

„Ein Stromnetz transportiert Strom, ein Wassernetz transportiert Wasser. Was das Rechennetz tatsächlich verteilt und bewegt, sind Rechenaufgaben, die dafür benötigten Daten und die Ergebnisse“, schrieb Xiao Hongwei, Leiter des Labors für Politiksimulation am Staatlichen Informationszentrum der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), in einem Kommentar für Xinhua (auf Chinesisch).

Der Begriff „Netzwerk“ ist nicht zufällig gewählt. Geplant ist, Chinas Rechenanlagen zu einem Gesamtsystem zu verbinden. Nutzer sollen überall im Land freie Kapazitäten finden und ihre Rechenaufträge dorthin schicken können.

Dahinter steht ein anderes Verständnis davon, was es heißt, bei KI zu „gewinnen“. Chinas Führung misst Erfolg anders als US-Präsident Donald Trump. Der glaubt, wie er kürzlich sagte, dass „wer bei KI gewinnt, GEWINNT“. Als könnte das leistungsfähigste KI-Modell für Amerika eine Art Wundermittel sein, um es schlagartig wieder „great“ zu machen, trotz maroder Brücken und unzureichender Stromversorgung.

Leistungsfähige KI-Modelle sind auch für China wichtig. Doch ebenso zählt, wie viele Krankenhäuser, Häfen und Fabriken KI einsetzen. Die neue Technologie wird mit dem sprichwörtlichen Wasser verglichen, das alle Boote anheben kann. Das unterscheidet sich von einer „Öl-Mentalität“, bei der mächtige Barone im Silicon Valley die knappe Ressource KI fördern und der breiten Masse zu hohen Preisen verkaufen.

Es gelte, „die Modernisierung traditioneller Industrien, das Wachstum von Zukunftsbranchen und die frühzeitige Planung künftiger Industrien voranzutreiben und KI für alle Branchen nutzbar zu machen“, sagte Staatspräsident Xi Jinping im Juli auf der World Artificial Intelligence Conference in Shanghai. Über diese Rede und die darin enthaltenen Konzepte haben wir bereits ausführlicher in unserem Deep Dive „KI als Wasser in China, KI als Öl in den USA“ berichtet.

Wer Erfolg daran misst, wie viele Nutzer günstig auf KI zugreifen können, muss Kapazitäten schaffen, bevor diese Nutzer überhaupt da sind.
„Erstens, maßvoll über den Bedarf hinaus bauen, Bau und Nutzung miteinander verbinden und die Recheninfrastruktur auf wissenschaftlicher Grundlage planen und errichten“, forderte Liu Liehong, Leiter der Nationalen Datenverwaltung, im März auf dem China Development Forum (auf Chinesisch). So arbeiten städtische Versorger. Eine Gemeinde muss erst eine Wasserleitung verlegen, bevor Menschen in ein Neubaugebiet ziehen können.

Auf dem Weg zu diesem Ziel müssen Peking und die Lokalregierungen mit vorübergehenden Überkapazitäten zurechtkommen. Im Jahr 2025 wurden in China nur etwa 36,8 Prozent der verfügbaren KI-Rechenleistung genutzt. Mehr als 60 Prozent der Kapazitäten lagen brach. Das zeigen Statistiken der Chinesischen Akademie für Informations- und Kommunikationstechnologie (auf Chinesisch).

Chinesische Staatsmedien kritisieren diese Überkapazitäten, sprechen aber von einem „strukturellen Ungleichgewicht“. Die meisten ungenutzten Rechenzentren hätten Lokalregierungen über ihre Finanzierungsgesellschaften und staatlichen Projektgesellschaften „mit der Denkweise von Immobilienentwicklern“ errichtet, schreibt die Finanzzeitung Zhengquan Shibao.

In Shanghai und der Inneren Mongolei melden Betreiber leistungsfähiger Rechencluster dagegen, dass sie keinerlei Kapazitäten mehr frei haben. Auch die Cluster, die Chinas große Internetunternehmen für den Eigenbedarf gebaut haben, sind voll ausgelastet. Die ungenutzten Kapazitäten an manchen Standorten seien „nicht das Ergebnis eines Überangebots in der gesamten Branche. Es handelt sich um ein strukturelles Ungleichgewicht“, folgert die Zeitung.

Im Ausland werden solche Überkapazitäten in China kaum verstanden und allein anhand von Gesamtzahlen beurteilt. Der Markt habe sich „auf zwei bequeme Annahmen festgelegt. China ist groß, und China ist leer“, schreibt das US-Analysehaus SemiAnalysis, das mehr als 1.000 Rechenzentren im Land erfasst hat.

Nach dessen Statistik verfügt China über eine Gesamtkapazität von mehr als 24 Gigawatt. Für die USA werden bis Ende 2026 insgesamt 56 Gigawatt erwartet.

Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung wächst in China allerdings rasant. Das tägliche Volumen an Tokens, den Einheiten, in denen die Arbeit von KI-Modellen abgerechnet wird, sei von 100 Milliarden Anfang 2024 auf mehr als 140 Billionen im März dieses Jahres gestiegen, so Liu Liehong, Leiter der Nationalen Datenverwaltung. Das entspricht einer Steigerung auf mehr als das 1.400-Fache in etwas mehr als zwei Jahren.

So verschwenderisch die derzeitigen Überkapazitäten erscheinen mögen, der chinesische Ansatz hat auch eindeutige Vorteile. Wer Rechenkapazität als Infrastruktur behandelt, kann ihren Ausbau mit dem des Stromnetzes abstimmen. Peking hat festgelegt, dass neue Rechenanlagen an den nationalen Knotenpunkten mindestens 80 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien beziehen müssen.

Wie das aussehen kann, zeigt ein Rechenzentrumscampus in der Inneren Mongolei, den wir in einem früheren Deep Dive vorgestellt haben. Er ist auf zwei Gigawatt Kapazität ausgelegt und soll einen außergewöhnlich hohen Anteil seines grünen Stroms direkt beziehen. Dennoch stoße die Abstimmung der beiden Netze (für Rechenzentren und für erneuerbare Energien) bei Planung, Bau und Preisgestaltung auf Engpässe, räumt Xiao Hongwei ein.

In den Aufbau dieser neuen Infrastruktur fließt viel Geld. Die diesjährigen Investitionen in alle sechs Netzwerke und damit verbundene Bereiche, darunter Verkehr und das Programm „KI Plus“, schätzt die Planungsbehörde NDRC auf mehr als sieben Billionen Yuan, ungefähr 875 Milliarden Euro.

Allein das Rechennetz soll zwischen 2026 und 2030 zusätzliche Direktinvestitionen von vier Billionen Yuan, ungefähr 500 Milliarden Euro, auslösen, zitierte die Finanznachrichtenagentur Cailianshe im Juli NDRC-Chef Zheng Shanjie (auf Chinesisch).

Der Staat will diese Rechnung allerdings nicht allein begleichen. Den größten Teil des Baus von Rechenanlagen sollen Unternehmen finanzieren, so Jiang Yi, Leiter der Abteilung für Politikforschung der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC).

In seinem Xinhua-Kommentar verweist der zuvor schon zitierte Xiao Hongwei auf die ausdrückliche Ankündigung der NDRC, dass „beim konkreten Bau Marktkräfte die entscheidende Rolle spielen werden“. Soweit daneben öffentliche Gelder fließen, werden sie in Peking auch als Konjunkturimpuls für die schwächelnde Wirtschaft gesehen. Das Paket der Zentralbank, das auch KI-Infrastruktur umfasst, bezeichnete Reuters als „einen neuen Versuch, die an Fahrt verlierende Wirtschaft zu stützen“.

Das neue Rechennetz solle Arbeitsplätze „in der Größenordnung von einer Million“ schaffen und zugleich die Nachfrage nach Rechenleistung aus dem Osten des Landes in den ressourcenreichen Westen lenken, schreibt auch Xiao.

Im größeren Zusammenhang ist die Wette auf günstige, überall verfügbare KI ein Teil von Chinas Strategie, neue Wachstumstreiber für seine Wirtschaft zu schaffen, während das Land mit demografischen und geopolitischen Herausforderungen ringt.

Gelingt es Peking tatsächlich, KI so leicht zugänglich zu machen wie Wasser und Strom, können Hersteller in China erheblich profitieren. Das gilt auch für ausländische Unternehmen, die hier Fabriken betreiben.

Für alle anderen bedeutet es eine gewaltige neue Herausforderung. Wenn Wettbewerber in China günstige Intelligenz aus einem Netz von Rechenzentren beziehen können wie billigen Strom aus der Steckdose, werden sie sich auf dem Weltmarkt mit noch niedrigeren Preisen als heute durchsetzen können.