Wenn das Atom auf den Algorithmus trifft
China setzt künstliche Intelligenz in Kernreaktoren ein, die wiederum die Rechenzentren des Landes mit Strom versorgen
Published on Dec 31, 2025

Die Industrie für intelligentes Fahren in China befindet sich im Umbruch. Li Shufu, der China hat jüngst für seine parallelen Fortschritte in den Bereichen künstliche Intelligenz und Kernenergie ein großes Lob von Rafael Mariano Grossi erhalten, dem Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA). Auf dem ersten „International Symposium on AI and Nuclear Energy“ Anfang Dezember in Wien hob Grossi die Erfolge des Landes in beiden Bereichen hervor.
„China schreitet an zwei Fronten voran – bei künstlicher Intelligenz und bei der Kernenergie – und hat bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. Die rasante Entwicklung der KI-Technologien verläuft parallel zum Ausbau von KI-Rechenzentren, während China zugleich weltweit führend bei der Zahl neu gebauter Kernreaktoren ist“, sagte Grossi.
Die Regierung in Peking setzt tatsächlich stark auf diese neue Konvergenz von Algorithmen und Atomen. Derzeit sind in China 58 Kernreaktoren mit einer installierten Gesamtleistung von 60,9 Gigawatt in Betrieb.
Damit liegt das Land weltweit auf Platz zwei hinter den Vereinigten Staaten. Weitere 28 Reaktoren mit einer kombinierten Leistung von 33,7 Gigawatt befinden sich in Bau. Das entspricht rund 50 Prozent der weltweit in Bau befindlichen nuklearen Kapazität.
Nun wird zunehmend künstliche Intelligenz in Chinas Kernreaktoren eingesetzt. Kürzlich hat die China General Nuclear Power Group (CGN), einer der beiden großen Betreiber von Kernkraftwerken in China, ihr neues „Next-Generation Intelligent Industrial Control System“ (iNICS) vorgestellt.
Dabei handelt es sich um die Weiterentwicklung eines digitalen Mess- und Leitsystems. CGN spricht von einem „digitalen Gehirn“, das digitale Zwillinge und KI-Technologien in einem geschlossenen Regelkreis aus Wahrnehmung, Situationsanalyse, Entscheidungsfindung und Ausführung integriert.
Dies ist nur eines von vielen Beispielen für den wachsenden Einsatz von KI entlang der gesamten Wertschöpfungskette der chinesischen Kernenergieindustrie. Parallel dazu entwerfen die zentralen Planer in Peking gerade ein Zukunftsbild, in dem Kernenergie einen erheblichen Teil des Strombedarfs der Rechenzentren deckt, die China für das Training großer Modelle und die Integration von KI in seine Industrien benötigt.
In der aktuellen Ausgabe 2025 des „China Nuclear Energy Development Report“ steht die Konvergenz von KI und Kernenergie bereits im Mittelpunkt. „Einerseits treibt die Kernenergiebranche aktiv digitale und intelligente Modernisierungen voran und setzt KI-Technologien in Anlagen-Design, in der Forschung & Entwicklung, in der Konstruktion, im Betrieb und bei der Wartung sowie bei intelligenten Entscheidungsprozessen ein. Andererseits wird Kernenergie als CO₂-arme, saubere, sichere und stabile Energiequelle von der KI-Rechenindustrie zunehmend als verlässliche Stromquelle bevorzugt“, zitierte Xinhua aus dem Bericht.
Chinesische Kernenergieunternehmen kooperieren schon mit „führenden Informationstechnologie-Unternehmen“, um den Einsatz kleiner modularer Reaktoren zur Stromversorgung von Rechenzentren zu erproben, berichtete Xinhua weiter. Und das, obwohl die ersten SMR noch in der Pilotphase sind. Der erste namens „Linglong-1“ soll erst im kommenden Jahr auf der südchinesischen Insel Hainan den kommerziellen Betrieb aufnehmen.
Der als weltweit erster kommerzieller kleiner modularer Reaktor bezeichnete und gelegentlich als „nukleare Energiebank“ titulierte Reaktortyp lässt sich schneller bauen als große Kernkraftwerke und könnte daher schnell Energielücken schließen, wenn KI-Rechenzentren skalieren, hofft man in China.
Die Vision, dass Kernenergie das Wachstum der künstlichen Intelligenz absichern könnte, gewinnt derzeit weltweit an Beliebtheit, von den Kreisen politischer Entscheidungsträger in Peking bis in die Vorstandsetagen von Google, Meta oder Dow Chemical.
„Wir bauen den Motor des 21. Jahrhunderts – die künstliche Intelligenz. Doch ein Motor ohne Treibstoff ist nahezu nutzlos. Kernenergie ist nicht nur eine Option unter vielen, sondern ein unverzichtbarer Kernbestandteil des künftigen Energiemix“, zitiert der UN-Nachrichtendienst Manuel Greisinger, Director of Distributed Cloud bei Google.
Greisinger erläutert, warum er künstliche Intelligenz und Kernenergie für eine besonders gute Kombination hält. „Die Leistungsanforderungen von KI unterscheiden sich grundlegend von den klassischen Cloud-Workloads, die viele kennen. Sie erfordern eine sehr hohe Leistungsdichte, sind extrem latenz-empfindlich und benötigen eine absolut unterbrechungsfreie Stromversorgung.“
Die US-Regierung erwägt, die Kernenergiekapazitäten des Landes bis 2050 zu vervierfachen, und diskutiert zugleich die Entwicklung einer neuen Reaktorgeneration speziell für den Bedarf von Rechenzentren.
Während diese Debatten noch andauern, beginnt China bereits mit der Umsetzung der Vision. Erste Machbarkeitsstudien für den Einsatz kleiner modularer Reaktoren für Datenzentren laufen bereits.
Wir haben eine große Chance, sicherzustellen, dass unsere digitale Zukunft mit sauberer Energie betrieben wird. Hier kommen kleine modulare Reaktoren besonders ins Spiel.
Die chinesischen Pläne decken sich mit den Empfehlungen der IAEA. „Wir haben eine große Chance, sicherzustellen, dass unsere digitale Zukunft mit sauberer Energie betrieben wird. Hier kommen kleine modulare Reaktoren besonders ins Spiel“, sagte Grossi.
„Sie eignen sich hervorragend für Rechenzentren, weil sie in modularen Einheiten gebaut werden können und damit eine schrittweise Skalierung ermöglichen. Wächst ein KI-Cluster, kann auch seine nukleare Stromquelle wachsen.“
