Peking will seine Fertigungsindustrie bis 2028 mit Künstlicher Intelligenz aufrüsten
Schnellere Verzahnung von IoT und KI soll Wachstumsschub im Wettlauf mit den USA bringen
Published on Jan. 15, 2026

China hat einen Plan zur Modernisierung seiner Industrie durch die Integration des industriellen Internets und künstlicher Intelligenz angekündigt. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) in Peking veröffentlichte den „Aktionsplan zur Integration und Ermächtigung des industriellen Internets und der künstlichen Intelligenz“, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Ziel sei es, den „industriellen Sektor des Landes zu stärken“, indem bis 2028 „industrielle Netzwerke neuen Typs“ in mindestens 50.000 Unternehmen aufgebaut werden, schrieb die Agentur. Bis dahin soll sich „das Integrationsniveau zwischen industriellem Internet und KI deutlich verbessern“.
Zhang Yi, Direktor des Politikforschungsinstituts an der „China Academy of Industrial Internet“, erläuterte in einem Interview mit dem chinesischen Online-Portal Dayoo (dayang wang) einige der Ideen hinter dem Plan (auf Chinesisch).
„Der Aktionsplan wird eindeutig die systemische Transformation des chinesischen Industriesektors beschleunigen. Man kann sich das so vorstellen, dass sich die industrielle Fertigung künftig rasch in Richtung End-to-End-Intelligenz auf sämtlichen Ebenen entwickelt – von der Endgerät- über die Produktionslinien- und Fabrikebene bis hin zur Ökosystem-Ebene“, sagte Zhang.
Auf der Geräteebene bedeutet das intelligente Aufrüstungen von CNC-Werkzeugmaschinen, Industrierobotern, Sensoren und Industriekameras. Dadurch sollen smarte Wahrnehmung, automatisierte Ausführungsbefehle sowie Interaktion ermöglicht und die Betriebseffizienz verbessert werden, erläuterte der Forscher.
Auf der Ebene der Produktionslinien ziele der Plan darauf ab, industrielle Steuerungssysteme wie PLC, DCS und HMI intelligent zu transformieren. Durch den Ausbau vertikaler KI-Modelle für die Produktion und die intelligente Steuerung von Prozessen aller Art solle ein geschlossener Regelkreis von „Wahrnehmung – Entscheidung – Ausführung“ entstehen und eine flexible Fertigung ermöglicht werden, sagte Zhang.
Ein weiterer Bestandteil des Plans ist die breit angelegte Einführung großer und kleiner KI-Modelle in Kombination mit Edge-Intelligenz. Ziel ist es, Produktionsaufgaben intelligent zu orchestrieren und so die Effizienz deutlich zu steigern.
Zudem nannte Zhang Beispiele für den Einsatz von KI im Unternehmensmanagement und in einem intelligenteren „industriellen Ökosystem“, um Prozesse und Kommunikation entlang ganzer Lieferketten zu optimieren.
Der Plan setzt das übliche Instrumentarium der chinesischen Wirtschaftsplaner ein, zunächst übergeordnete Ziele zu formulieren, die in den folgenden Wochen und Monaten von Behörden auf Provinz- und Lokalebene sowie in den Staatsbetrieben in eine konkretere To-Do-List übersetzt werden.
Die Zielvorgabe von „nicht weniger als 50.000 Unternehmen“, in denen das industrielle Internet mit KI integriert werden soll, soll Druck auf die nachgeordneten Beamten und Manager ausüben und gleichzeitig ein Berichtssystem etablieren.
Nur einen Tag nach Veröffentlichung dieses Plans, am 7. Januar 2026, legten das MIIT und sieben weitere Ministerien ein weiteres Dokument vor, das ebenfalls die Einführung von KI in der Industrie beschleunigen soll.
Es trägt den Titel „Umsetzungsleitlinien für den Sonderaktionsplan ‚Künstliche Intelligenz + Fertigung’“.
Ziel dieses zweiten Dokuments ist es, bis 2027 eine „sichere und verlässliche Versorgung mit KI-Technologien“ in China zu gewährleisten. Es verknüpft die allgemeine staatliche Förderung großer KI-Modelle mit konkreten industriellen Anwendungen und zeigt damit, dass Peking entschlossen ist, die Algorithmen so schnell wie möglich praktisch nutzbar zu machen.
In dem zweiten Dokument legt die Zentralregierung weitere quantitative Ziele fest, darunter die „tiefgehende Anwendung von drei bis fünf allgemeinen großen KI-Modellen in der Fertigung, die Entwicklung spezialisierter branchenspezifischer Modelle mit vollständiger Abdeckung, die Schaffung von 100 hochwertigen industreillen Datensätzen und die Förderung von 500 typischen Anwendungsszenarien“.
Hintergrund dieser intensiven bürokratischen Aktivitäten in der ersten Woche des neuen Jahres ist der grundlegende Kurswechsel in Chinas Industriepolitik von „Quantität zu Qualität“. Präsident Xi Jinping und andere Partei- und Regierungsvertreter hatten das neue Entwicklungsparadigma zuvor in zahlreichen Reden und politischen Dokumenten erläutert.
Angesichts des doppelten demografischen Drucks einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung und der Sorge, dass das stark exportorientierte Wirtschaftsmodell auf Dauer nicht nachhaltig ist, will China der Wissenschaft und Technologie nun eine größere Rolle zuweisen.
Peking fördert die Entwicklung „neuer, hochwertiger Produktivkräfte“. Gemeint sind damit Technologien wie künstliche Intelligenz oder Biotechnologie, die Entstehung neuer Industriezweige wie der Low-Altitude-Economy mit ihren Fracht- und Flugtaxis, die fortgeschrittenen Materialwissenschaften und andere Zukunftsbranchen.
Neben der Modernisierung des Landes durch Zukunftstechnologien und nagelneue Industrien umfasst dieser Kurswechsel aber ausdrücklich auch die digitale Aufrüstung traditioneller Industrien durch KI-Integration.
Eine Reihe interner Faktoren verstärkt den Eindruck der Wirtschaftsplaner in Peking, rasch handeln zu müssen, um die Potenziale der künstlichen Intelligenz zu nutzen. Das Wirtschaftswachstum hat sich in den vergangenen Jahren deutlich abgeschwächt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist gestiegen.
Im internationalen Umfeld steht China unter Druck durch US-amerikanische Chip-Embargos und Handelssanktionen, die dem Land den Zugang zu Hochleistungs-KI-Chips und ähnlichen Technologien verwehren sollen. Washington begründet diese Maßnahmen mit der eigenen nationalen Sicherheit, möchte damit aber wohl auch Chinas wirtschaftlichen Aufstieg ausbremsen.
Vor diesem Hintergrund sehen chinesische Analysten die Bestrebungen ihrer Regierung, die Entwicklung und Adaption von KI zu beschleunigen, auch als Teil des globalen KI-Wettlaufs mit den Vereinigten Staaten.
In einem Interview mit der regierungsnahen „Global Times“ warnte Wei Shaojun, Vizepräsident des China Semiconductor Industry Association, die heimische Halbleiterindustrie müsse wachsam bleiben und „ihre Verpflichtung zur Stärkung der nationalen Fähigkeiten in Spitzentechnologien ernst nehmen“.
Während Peking die Entwicklung einheimischer KI-Chips vorantreibt und mit staatlichen Investmentfonds versucht, den Rückstand zu Unternehmen wie Nvidia aufzuholen, glaubt China bei der industriellen KI dank seines großen Fertigungssektors einen Trumpf ausspielen zu können.
Durch die möglichst rasche Integration der KI in sämtliche Lieferketten erhofft sich die Führung nicht nur mehr BIP-Wachstum, sondern auch eine stärkere Unabhängigkeit von „feindlichen ausländischen Kräften“.
