KI in der Medikamentenforschung: Chinas nächster Technologiesprung
Investoren setzen auf Insilico, während China eine offene KI-Plattform für die Wirkstoff-Forschung startet
Published on Dec 31, 2025

Insilico Medicine Lists on Hong Kong Stock Exchange on Dec. 30, 2025. Photo: Insilico Medicine
Der neue Optimismus rund um Künstliche Intelligenz für die Suche nach neuen Medikamenten ist kein rein chinesisches Phänomen. Weltweit wecken Fortschritte bei Rechenleistung, großen Modellen und Datenverarbeitung erneut die Hoffnung, dass Zeit- und Kosteneinsparungen in der frühen Forschung nun tatsächlich in klinisch relevante Ergebnisse münden könnten.
Insilico, das am 30. Dezember 2025 seinen lange erwarteten Börsengang in Hongkong abgeschlossen hat, ist dafür ein gutes Beispiel. Das Unternehmen ist international aufgestellt, mit Niederlassungen in Hongkong, den USA, Kanada, Abu Dhabi und Taiwan. Die derzeit relevantesten Aktivitäten von Insilico finden jedoch in auf dem chinesischen Festland statt.
Die Phase-II-Studien zum Wirkstoff-Kandidaten Rentosertib wurden an 21 Standorten in China durchgeführt, ergänzt durch eine begrenzte Zahl von Orten in den Vereinigten Staaten. Ein Sprecher von Insilico äußerte die Hoffnung, dass Rentosertib das weltweit erste vollständig mithilfe von KI entdeckte Medikament wird, das eine Phase-III-Studie erlebt. Für die geschätzten drei Millionen Patientinnen und Patienten, die weltweit an der chronischen Lungenerkrankung IPF erkrankt sind, drängt die Zeit auf jeden Fall.
Insilico und seine Partner konnten in China innerhalb kurzer Zeit 71 Patientinnen und Patienten für die rund ein Jahr dauernden Studien rekrutieren, während in den USA lediglich acht Teilnehmende gewonnen wurden, berichtete die chinesische Wirtschaftszeitung Jingji Guancha Bao. (Auf Chinesisch.)
Während also sowohl die KI-gestützte Wirkstoff-Forschung als auch die potenziellen Absatzmärkte global sind, ist die Dynamik in China derzeit besonders ausgeprägt. Staatliche Stellen, Krankenhäuser und Forschungseinrichtungen arbeiten Hand in Hand, der Enthusiasmus ist deutlich zu spüren.
Klinische Studien gehen hier schnell voran. Kleine Biotech-Unternehmen, großzügig finanziert von Investoren, wittern eine realistische Chance, mithilfe von KI in eine Branche vorzustoßen, die lange Zeit großen Pharmakonzernen vorbehalten war.
Der neue Aufschwung der KI-gestützten Wirkstoff-Forschung in China zeigt sich auch an der Vielzahl neuer Plattformen, die seit Anfang 2025 gestartet sind. Die jüngste größere Initiative ist die offene Plattform „AI Kongming“, die am 11. Dezember 2025 vom Global Health Drug Discovery Institute in Peking vorgestellt worden ist.

„Als gemeinnützige Organisation ist es unser vorrangiges Ziel, dringende globale medizinische Versorgungslücken zu adressieren, die vom Markt vernachlässigt werden und Millionen von Menschen betreffen“, sagte der Direktor Ding Sheng in Interviews mit chinesischen Medien.
Der grundlegende Ansatz dieses gemeinnützigen, staatlich unterstützten Instituts unterscheidet sich dabei nicht stark von dem, den Insilico mit seiner gewinnorientierten, proprietären Plattform „Pharma.AI“ verfolgt.
AI Kongming wolle „fragmentiertes biologisches, chemisches und pharmakologisches Wissen integrieren und in KI-Fähigkeiten überführen, die schlussfolgern, generieren und sich weiterentwickeln können“, erklärte Ding. Beide Plattformen zielen letztlich darauf ab, den klassischen „Trial-and-error“-Zyklus der frühen Wirkstoff-Forschung zu verkürzen.
Es mag noch zu früh sein, um die langfristigen Auswirkungen von KI auf die Wirkstoff-Forschung bewerten zu können. Doch ein Paradigmenwechsel ist klar erkennbar und in China ist er derzeit recht deutlich.
Interdisziplinäre Forschung und ein stärkerer Fokus auf Zusammenarbeit zwischen großen und kleinen Unternehmen, Wissenschaft und staatlichen Institutionen beginnen, das traditionelle Modell abgeschotteter interner Wirkstoff-Pipelines abzulösen.
Sowohl der erfolgreiche Börsengang von Insilico in Hongkong als auch die neue Plattform AI Kongming in Peking sind Teil dieser Entwicklung.
Investitionen in Branchenführer wie Insilico erhöhen die Chancen, dass das erste KI-entwickelte Medikament bald verfügbar wird. Mit dem frischen Kapital kann das Unternehmen seine Aktivitäten verstärken, was die Konvergenz von KI und Biopharma in China insgesamt beschleunigen dürfte.
Wenn man in China nicht konkurriert, konkurriert man in bestimmten Therapiebereichen – etwa bei Antikörpern oder kleinen Molekülen – überhaupt nicht.
Diese Entwicklung bahnt sich schon seit mehreren Jahren an. Chinesische Wissenschaftler und Unternehmer sehen in KI eine Möglichkeit zum Leapfrogging in eine innovative biomedizinische Forschung. „Wenn man in China nicht konkurriert, konkurriert man in bestimmten Therapiebereichen – etwa bei Antikörpern oder kleinen Molekülen – überhaupt nicht“, zitiert Bloomberg den Insilico-CEO Alex Zhavoronkov.
Gleichzeitig fördert die chinesische Regierung offene Plattformen wie AI Kongming, um die rechnergestützte Wirkstoff-Entwicklung von einem spezialisierten Werkzeug in eine skalierbare wissenschaftliche Infrastruktur zu verwandeln. Auch hier ist gerade erst der Anfang gemacht. Doch wenn die vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann dies: China ist besonders effektiv beim Aufbau von Infrastruktur jeglicher Art.
