KI-Agenten ersetzen Dockarbeiter im Hafen von Qingdao
Große Modelle, Agenten und Vakuum-Saugplatten machen 366 Meter lange Containerschiffe sekundenschnell fest
Published on Jan. 09, 2026

Am 1. Januar 2026 näherte sich das 366 Meter lange Containerschiff „MSC Saudi Arabia“ langsam seinem vorgesehenen Liegeplatz am Containerterminal des Hafens von Qingdao am Gelben Meer, schreibt die Zhongguo Jiaotong Bao (chinesisch).
Am Kai warteten keine Dockarbeiter mit den üblichen Leinen. Stattdessen berechnete ein visuelles großes KI-Modell alle relevanten Faktoren wie Wind, Wellen und die Strömungen vor dem Liegeplatz.
Anschließend setzten KI-Agenten Vakuum-Saugplatten ein, die am Rumpf des Containerschiffs andockten und es sicher am Kai fixierten. Das gesamte Anlegemanöver, der üblicherweise 20 bis 30 Minuten dauert, war in weniger als 30 Sekunden abgeschlossen.
Die 13 automatisierten Mooring-Einheiten dieses Hafensystems können, wenn sie gleichzeitig aktiviert werden, „eine kombinierte Saugkraft von 2.600 Kilonewton erzeugen“, berichteten chinesische Medien. Das sei genug, um selbst die größten Containerschiffe der Welt sicher zu an der Kaimauer festzumachen.
In den meisten Häfen ist das richtige Timing beim Einholen der Leinen bis heute eine Aufgabe hochqualifizierter Dockarbeiter. Zugleich ist es ein sehr gefährlicher Job. Die dicken Leinen können unter Spannung reißen und mit tödlicher Wucht zurückschlagen.
Nun sind die Festmacherleinen aufgerollt und werden nicht mehr benötigt. Die Dockarbeiter wurden umgeschult. „Neben der Geschwindigkeit erhöht das System die Sicherheit im Hafen erheblich, da kein Personal mehr im sogenannten Snap-back-Bereich arbeiten muss, jener Hochrisikozone, in der herkömmliche Festmacherleinen unter Spannung reißen können“, schreibt die China Daily.
Das automatisierte Andocken ist allerdings nur ein Schritt in der gesamten Prozesskette beim Löschen eines Containerschiffs im Hafen von Qingdao, einem der verkehrsreichsten Chinas. Künstliche Intelligenz unterstützt inzwischen den gesamte Ablauf des Umschlagens von Waren.
Bereits während sich ein Schiff nähert, wird der am besten geeignete Liegeplatz ermittelt und zugewiesen. Das große KI-Modell verarbeitet dabei 132 unterschiedliche Faktoren, von aktuellen Gezeiten und Windverhältnissen über die voraussichtliche Dauer von Be- und Entladung bis hin zu dem exakten Zeitpunkt, zu dem das Schiff wieder auslaufen kann.
Ein sogenannter intelligenter Liegeplatz-Planungsagent, aufgebaut auf einem großen Modell und trainiert mit sorgfältig kuratierten Datensätzen, ergänzt die Erfahrung und das Fachwissen menschlicher Disponenten, die den Kontrollraum inzwischen nicht mehr verlassen müssen.
Bei Anlegemanövern so großer Schiffe können schon kleine Probleme Kettenreaktionen auslösen, die zu erheblichen Zeitverlusten führen. Automatisierung hebt diese Zwänge nicht vollständig auf. Derzeit berichten die Betreiber des neu automatisierten Systems von einer „Anlegegenauigkeit von 80 Prozent“. Entscheidend ist jedoch, dass das KI-gestützte System im Hafen von Qingdao kontinuierlich dazulernt, und so die Effizienz des Containerterminals mit der Zeit immer weiter wächst.
„Sobald ein Plan erstellt ist, koordiniert der Agent nahtlos die Abläufe im Terminal und die intelligenten Kooperationssysteme, erteilt automatisch Arbeitsaufträge und Betriebsanweisungen und ermöglicht so eine durchgängige Automatisierung von der Gerätepositionierung über Selbstprüfungen bis hin zum Start der Prozesse“, berichtet die Lokalzeitung Qingdao Ribao (auf Chinesisch).
Qingdao zählt zu den zehn größten Containerhäfen der Erde. Auf Basis der Daten von 2024 war es einer von sechs chinesischen Häfen in dieser Top-Ten-Gruppe, neben Shanghai, Ningbo-Zhoushan, Shenzhen, Guangzhou und Tianjin.
Auf Grundlage dieser Schiffs- und Frachtbewegungen beginnt Chinas Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) derzeit mit dem Aufbau des weltweit größten Datensatzes für Hafenbetriebsdaten, berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua.
Dem Hafen von Qingdao ist bei der Integration von KI in den Hafenbetrieb eine Art landesweite Pionierrolle zugewiesen worden. Das automatisierte Festmachen ist nur eines von 26 sogenannten „Demonstrationsszenarien“ in Sachen KI, die derzeit erprobt werden.
Ein weiteres Beispiel ist ein Sicherheitsüberwachungssystem mit mehr als 500 Kameras im Hafengebiet Dagang des Hafens von Qingdao, das in Echtzeit Warnungen erzeugt. Dies geschieht auf Basis eines Ansatzes aus „kleinen Modellen zur schnellen Erkennung plus großem Modell zur umfassenden Analyse“. Hinzu kommen Projekte zum elektronischen Geofencing von Containerstapeln und KI-gestützte Systeme in der Verwaltung.
Auch in anderen Containerterminals setzen chinesische Betreiber zunehmend KI-gestützte Hafenlösungen ein. Im Containerterminal Nr. 2 des Hafens von Tianjin übernehmen beispielsweise fahrerlose „Artificial Intelligence Robots of Transportation“ (ART) inzwischen fast sämtliche Containerbewegungen.
Videos aus einem der geschäftigsten Terminals der Welt zeigen Dutzende Container, die gleichzeitig auf blauen, autonom fahrenden Fahrzeugen bewegt werden, ohne dass weit und breit ein Mensch zu sehen wäre.
