In China rettet Künstliche Intelligenz das Leben von Krebspatienten
Ein neues KI‑Werkzeug hilft dabei, frühe Bauchspeicheldrüsentumoren zu entdecken, die Ärzte oft übersehen
Published on Jan. 15, 2026

Weltweit hoffen Menschen darauf, dass Künstliche Intelligenz Fortschritte im Kampf gegen den Krebs ermöglicht. Noch ist man da eher am Anfang, doch jetzt gibt es ermutigende Berichte aus dem „Affiliated People's Hospital“ der Universität von Ningbo.
Qiu Sijun, ein 57-jähriger, pensionierter Maurer, war dort zu einer Routine-Kontrolle für Diabetes. Drei Tage später erhielt er einen Anruf. Man habe einen Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse entdeckt, erklärte der Arzt am Telefon. Ob Herr Qiu bitte in der Klinik vorbeikommen könnte.
Qiu hatte Glück. Dr. Zhu Kelei, Leiter der Pankreas-Abteilung des Krankenhauses, hatte den Tumor sehr früh entdeckt. Der Arzt konnte operieren, und der Frührentner ist inzwischen zurück in seinem Garten.
Die Frühdiagnose war durch ein neues KI‑Werkzeug namens DAMO PANDA möglich, wobei PANDA für „pancreatic cancer detection“ steht, also Diagnose von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es wird an dem Krankenhaus von Dr. Zhu seit November 2024 in einem klinischen Versuch erprobt.
Entwickelt wurde es an der DAMO Academy, einem mit Alibaba verbundenen Forschungsinstitut, das ursprünglich von Jack Ma gegründet wurde, wie die Volkszeitung (auf Chinesisch) am 12. Januar berichtet hat.
Die parteinahe Zeitung aus Peking zitierte ungewöhnlicherweise einen Artikel von Vivian Wang in der New York Times vom 6. Januar dieses Jahres. Die Reporterin hatte mit dem Patienten Qiu und mit Dr. Zhu gesprochen und dann einen gründlich recherchierten Beitrag geschrieben, der zwar auf die Risiken von „falsch-positiven Befunden“ bei der Früherkennung hinwies, zugleich aber auch die praktischen Fortschritte beim Einsatz von KI in einem chinesischen Krankenhaus anerkannte.
Die New York Times bezeichnet die PANDA-Innovation als „ersten systematischen Einsatz eines großen KI‑Modells zur Auswertung nicht kontrastverstärkter Computertomografie‑(CT‑)Scans“.
Das Verfahren lässt sich auf mehrere wichtige Krebsarten anwenden, darunter Lungen‑, Darm‑, Leber‑, Magen‑, Brust‑ sowie Speiseröhrenkrebs.
Selbst in China, wo die Kosten für Vorsorgeuntersuchungen nicht so hoch sind wie in Europa oder den USA, ist ein wesentlicher Vorteil der neuen Methode ihre Kosteneffizienz. Traditionelle Verfahren wie Ultraschall, CT‑Scans, Gastroskopie und Koloskopie würden pro Vorsorgeuntersuchung insgesamt mindestens 3.000 Renminbi (rund 430 US‑Dollar) kosten, um auf eine solche Auswahl an Krebsarten zu screenen, hat die Wirtschaftszeitung Huaerjie Jianwen ausgerechnet.
Im Gegensatz dazu koste der „One‑Scan, Multi‑Screening“-Ansatz von PANDA auf Basis nicht kontrastverstärkter CT‑Scans plus KI weniger als 200 Renminbi (rund 29 US‑Dollar), so die Zeitung. Dies mache ein „Screening asymptomatischer Bevölkerungsgruppen im großen Maßstab zu einer realistischen Möglichkeit“, hieß es.
Entscheidend ist zudem, dass CT‑Untersuchungen mit Kontrastmitteln für Krebs‑Screenings nicht nur zu teuer sind, sondern aufgrund der verabreichten Substanzen auch gesundheitliche Risiken haben. Das veranlasste die Forscher an der DAMO Academy dazu, nach KI-gestützten Möglichkeiten zu suchen, die Erkennungsraten nicht kontrastverstärkter CT‑Scans zu erhöhen.
Um ihr KI‑Modell zu trainieren, ließen die Forschenden von einem Radiologen die Kontrast‑CTs von 2.000 Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs manuell mit den exakten Orten der Läsionen markieren.
Die Ingenieurinnen und Ingenieure „übertrugen die markierten Läsionen anschließend algorithmisch auf die nicht kontrastverstärkten CT‑Scans derselben Patienten“, heißt es in dem Bericht der in der New York Times.
Seit Beginn der klinischen Studie mit „AI PANDA“ sind 180.000 Bauch-und Thorax-CT‑Scans ausgewertet worden. Dabei wurden rund zwei Dutzend Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs entdeckt, darunter duktale Adenokarzinome und neuroendokrine Tumoren.
Einige dieser Tumoren befanden sich in einem sehr frühen Stadium, und die Operationen verliefen erfolgreich. „Ich glaube, man kann zu hundert Prozent sagen, dass KI ihnen das Leben gerettet hat“, sagt Dr. Zhu über seine Patienten.
Auf einem jüngsten Medizinkongress schilderten die Entwickler des neuen Werkzeugs den Fall einer 75‑jährigen Frau, die sich ebenfalls einem Routine‑CT‑Scan unterzogen hatte. Ihre Tumormarker waren nur leicht erhöht. DAMO PANDA ermittelte aber eine Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent für Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Bei einer anschließenden Untersuchung mit kontrastverstärkter Bildgebung wurde im Kopf der Bauchspeicheldrüse der Frau tatsächlich ein Tumor gefunden. Bei der Operation stellte sich heraus, dass die bösartige Geschwulst erst einen Millimeter groß war, was mach Meinung der Wissenschaftler eine „außergewöhnlich frühzeitige Entdeckung“ von Krebs darstellt.
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist im Endstadium für starke Schmerzen bekannt und zudem berüchtigt dafür, schwer früh erkannt zu werden. Die Fünf‑Jahres‑Überlebensrate liegt bei weniger als zehn Prozent. Gleichzeitig ist diese Krebsart relativ selten und tritt nur bei etwa elf von 100.000 Menschen auf.
Wirksame Instrumente für Voruntersuchungen müssen eine hohe Spezifität aufweisen, um eine große Zahl falsch-positiver Befunde zu vermeiden, die bei den Betroffenen psychische Belastungen und andere Risiken nach sich ziehen können.
Die Mitarbeiter des mit Alibaba verbundenen Instituts sind überzeugt, dass ihr DAMO PANDA diese Anforderungen erfüllt. „Unter jeweils 1.000 Tests bei gesunden Personen war nur einer ein falsch positiver Befund“, sagte eine der beteiligten Personen auf dem „AI for Good Global Summit“ im Oktober.
GE Healthcare und die DAMO Academy haben eine Vereinbarung unterzeichnet, um das neue KI‑Werkzeug gemeinsam in den USA zu vermarkten, berichtete das Tech‑Portal Xinlang Keji. Die neue KI‑Screening‑Technologie aus China soll dafür in Hardware von GE Healthcare integriert werden.
DAMO PANDA habe von der US‑Arzneimittelbehörde FDA bereits die sogenannte „Breakthrough Device Designation“ (BDD) erhalten, schrieb Xinlang Keji. Das nährt am Institut die Hoffnung auf eine schnelle Zulassung des gemeinsam mit GE Healthcare entwickelten Systems.
Wir hoffen, dass diese innovativen medizinischen KI‑Technologien der gesamten Menschheit zugute kommen.
„Wir hoffen, dass diese innovativen medizinischen KI‑Technologien der gesamten Menschheit zugute kommen“, sagte Zhang Ling, Leiter der Abteilung für Multi‑Cancer Screening Technology am Medical AI Lab der Alibaba DAMO Academy.
Das neue KI‑Modell wird auch für das Screening auf Magenkrebs („DAMO GRAPE“) sowie als „DAMO iAORTA“ zur Erkennung des akuten Aortensyndroms (AAS) eingesetzt. Für PANDA und diese Systeme verhandeln die Erfinder eigenen Angaben zufolge derzeit über Kooperationen in Singapur, Japan, Saudi‑Arabien, Neuseeland sowie Antigua und Barbuda.
