Große Modelle in der Kohlemine: Wie China eine traditionelle Industrie mit Sensoren und Algorithmen transformiert
KI soll einen sichereren und effizienteren Bergbau schaffen, den Peking für seine Energiesicherheit in der Ära globaler Handelskriege erneut zu schätzen lernt
Published on Jan. 15, 2026

Chinas Welt des „schwarzen Goldes“ war lange Zeit als eine Welt großer Gefahren und harter körperlicher Arbeit bekannt. Nach einer Serie von Unglücken und Einstürzen kleiner, oft illegaler Kohlebergwerke hat Peking im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte Zehntausende von ihnen geschlossen und die Aufsicht verstärkt. Nun investieren zentrale Planungsbehörden und staatliche Bergbaukonzerne in Künstliche Intelligenz, um Sicherheit und Effizienz in den verbliebenen Minen weiter zu erhöhen.
„Intelligenter Kohlebergbau durch KI“ lautete das Motto einer Launch-Veranstaltung für Chinas erstes industrieweites Large Model für den Bergbau am 7. Januar 2026.
Das KI-Modell mit dem englischen Namen „Solstone Mining Large Model“ („Taiyangshi Kuangshan Damoxing“ auf Chinesisch) ist vom „Chinese Institute of Coal Sciences“ (CICS) entwickelt worden, einer Tochter der staatlichen „China Coal Technology & Engineering Group“, berichtet die Onlineausgabe der Zeitung Guangming Ribao (auf Chinesisch).
Das Large Model soll nun dabei helfen, überall im Land vertikale Anwendungen für den Kohlebergbau auszurollen. Es soll eine Reihe konkreter „Pain Points" der Branche adressieren, erklärten seine Programmierer bei der Veranstaltung. Dazu zählen etwa „Daten-Annotation im Bergbau, visuelle Analytik, Optimierung der Einsatzplanung, regulatorische Aufsicht und Compliance-Management“, hieß es.
Was dieser koordinierte Einsatz der KI erneut illustriert, ist wie Chinas staatliche Industrieplaner KI nicht nur nutzen, um Zukunftsbranchen wie Robotik, Drohnen oder vollautomatisierte Fabriken aufzubauen, sondern auch um nahezu jede einzelne traditionelle Industrie zu transformieren. Beide dieser zwei Entwicklungspfade werden ausdrücklich als gleich wichtig für die wirtschaftlichen Entwicklung Chinas in den kommenden fünf Jahren bezeichnet.
KI wird eingesetzt, um Effizienz und Ausstoß von Kohlebergwerken zu steigern, weil diese auf absehbare Zeit weiterhin eine strategische Rolle für Chinas Energiesicherheit spielen werden. Die jährliche Kohleförderung des Landes ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen, obwohl der rasche Ausbau von Solar- und Windparks den relativen Anteil erneuerbarer Energien im chinesischen Energiemix Jahr für Jahr stetig erhöht hat.
Bis Ende 2024 belief sich die gesamte Kohleproduktion auf 4,78 Milliarden Tonnen. Der Kohleverbrauch machte damit 53,2 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in China aus, zeigen Daten der Nationalen Statistikbehörde in Peking.
Da Peking sich durch Handels- und Technologiekonflikte mit Washington und durch Zölle aus Brüssel unter Druck gesetzt sieht, kann das Land seine Abhängigkeit von Ölimporten nur schrittweise verringern, indem es in Solar-, Wind- und Kernenergie investiert, zumal die gesamte Energienachfrage weiter steigt.
Während die grüne Transformation voranschreitet, wird Kohle nach wiederholten Aussagen chinesischer Politiker weiterhin eine zentrale Rolle spielen, um die nationale Unabhängigkeit und das reibungslose Funktionieren der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu sichern.
Künstliche Intelligenz gilt als ein Weg, „ein modernes Energiesystem“ aufzubauen, um diese Ziele zu erreichen, wie ein Sprecher des CICS bei der Auftaktveranstaltung für das neue „Large Model“ für Kohleminen sagte. Erstmals biete das Solstone Mining Large Model der Branche einen „Full-Stack-Rahmen für Datentraining, -Anwendung und -Evaluation“, schrieb Guangming Ribao.
Früher war jeder Abstieg unter Tage von ständiger Angst begleitet.
Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua gewährte kürzlich in einer Reportage einen der eher seltenen Einblicke, wie der Umbau in Chinas Bergwerken direkt vor Ort und unter Tage aussieht. In einem Bericht aus einem Kohlebergwerk der „Shandong Energy Group“ beschrieb der Reporter, wie „entlang der Tunnelwände alle paar Meter KI-gestützte Kameras installiert sind“.
„Wir haben bereits ein bis zwei Hundert davon unter Tage installiert“, erklärte einer der Manager der Grube dem Reporter. „Das sind keine gewöhnlichen Überwachungsgeräte, sondern ‚intelligente Wachen‘ mit Machine-Vision-Technologie. Sie erfassen kontinuierlich alle Veränderungen in der Umgebung und im Arbeitsprozeß der Beschäftigten und übermitteln ihre Daten in Echtzeit an ein Mining-Large-Model-System zur Analyse und Risikobewertung“, berichtete die Agentur.
Mit einem hochmodernen 5G-Netz, das bis in eine Tiefe von 1.000 Metern reicht, können die Daten an die Leitwarte an der Oberfläche übertragen werden. Dieses KI-gestützte „intelligente Gehirn“ des Kohlebergwerks ist mit jeder unterirdischen Kamera, jedem Gerät und jedem smarten Endgerät der Bergleute verbunden.
Die Betreiber erhalten nun einen umfassenden Überblick in Echtzeit über alles, was sich einen Kilometer unter der Erde abspielt, vom Betrieb der Vortriebs-Maschinen über die genaue Position der Arbeiter in Echzeit bis hin zu subtilen Veränderungen der Gaskonzentration.
„Kohlebergwerke lagen einst verborgen tief unter der Erde und waren eine Art Synonym für Gefahr und Entbehrung“, kommentierte Xinhua. „Früher war jeder Abstieg unter Tage von ständiger Angst begleitet“, wurde ein Veteran der örtlichen Kohlemine zitiert. Jetzt würden diese Sorgen nach und nach durch „ein umfassendes Sicherheitssystem“ gemindert, so Xinhua.
„Hochrisiko-Jobs, die einst auf Erfahrung und körperliche Arbeit angewiesen waren, werden nach und nach durch Fernüberwachung, Datenanalyse und Mensch-Maschine-Kollaboration ersetzt“, heißt es in dem Bericht über den Einsatz von KI in den Stollen der Provinz Shandong.
