➤ Fokus der Woche
_________
Changsha setzt auf KI in der Fabrik
Zoomlion, Sany und lokale Robotikfirmen sind der Nukleus eines neuen Hotspots für physische KI.
Published on Oct. 14, 2026

Infographic: Asia Waypoint
Changsha öffnet seine Fabriken für das praxisnahe Training von Physical AI. Der globale Baumaschinenriese Zoomlion erprobt Roboter an Produktionslinien. Sany, ein weiterer führender Baumaschinenkonzern, arbeitet mit externen Entwicklern an industriellen Use Cases.
Beides sind Beispiele für eine übergreifende Strategie in Changsha. Die Stadt mit fünf Millionen Einwohnern in der zentralchinesischen Provinz Hunan will ihre industrielle Basis zu einem praxisnahen Entwicklungsraum für physische KI machen, berichtete das chinesische Technologiemedium Huxiu am 8. Oktober 2026 (auf Chinesisch).
Physical AI ermöglicht es Maschinen, ihre Umgebung wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben in der realen, materiellen Welt auszuführen. Diese Beziehung ist allerdings wechselseitig, symbiotisch. Während KI die Maschinen produktiver macht, liefern erst die Maschinen brauchbare Daten für das Training der KI.
In Changsha sitzen nicht nur die beiden weltbekannten Baumaschinenhersteller Zoomlion und Sany Heavy Industry. Die Stadt ist ein industrielles Schwergewicht. Fünf Unternehmen aus Changsha gehören zu den 13 chinesischen Protagonisten in einer von Huxiu zitierten weltweiten Rangliste der größten Baumaschinenhersteller im Jahr 2026.
Hunan, auch bekannt für sein scharfes Essen und als Geburtsprovinz Mao Zedongs, ist auch stark beim Bau von Baumaschinen wie Baggern und Raupen sowie von Eisenbahn- und Schienentechnologie (CRRC).
Hunan, auch bekannt für sein scharfes Essen und als Geburtsprovinz Mao Zedongs, ist auch stark beim Bau von Baumaschinen wie Baggern und Raupen sowie von Eisenbahn- und Schienentechnologie.
Die Nachrichtenagentur Xinhua hat in Changsha sechs Industriecluster mit einem Volumen von jeweils mehr als 100 Milliarden Yuan (ungefähr 13 Milliarden Euro) gezählt. (auf Chinesisch)
„Vielerorts spricht man von ‚Robotik + Industrie‘. Wir glauben, es sollte ‚Industrie + Robotik‘ heißen“, zitierte die Agentur Yang Yue, den Vorsitzenden von Siasun Cobot.
Shenzhen und Shanghai bauen Cluster für humanoide Roboter auf, deren Hersteller auf die Suche nach industriellen Anwendungen gehen. Changsha macht es umgekehrt. Es beginnt bei seiner vorhandenen Industrie und gibt den Humanoiden eine klare Raison d´être.
Zoomlion hat ein Trainingszentrum für verkörperte KI mit 120 Arbeitsstationen gebaut. Dutzende Roboter sammeln Daten und erproben ihre Fähigkeiten in fast 20 Anwendungsfeldern, darunter Montage, Logistik und Qualitätsprüfung, berichtete Huxiu. Die Versuche finden in einer Fertigungsumgebung mit mehr als 300 intelligenten Produktionslinien und mehr als 2.000 Industrierobotern statt.
Diese bereits im Einsatz befindlichen Industrieroboter sind von den Humanoiden zu unterscheiden, die jetzt getestet werden. Es sind zum Beispiel mehrachsige Gelenkarmroboter für das Präzisionsschweißen, fahrerlose Transportsysteme (AGVs) und automatische Spritzlackiersysteme. Es ist ein Reich der Cobots und der beinlosen, aber zuverlässigen Arbeitstiere, in das die Humanoiden da nun gerade einmarschieren.
Die Unternehmen in Changsha glauben, dass Humanoide die Produktivität in Arbeitsumgebungen steigern können, die für Menschen ausgelegt sind „Gestützt auf die enorme Menge an Daten aus industriellen Anwendungsszenarien, die wir in mehr als einem Jahrzehnt gesammelt haben, lernt eine Gruppe humanoider Roboter jetzt ‚während der Arbeit‘ an der Produktionslinie“, wird She Lingjuan zitiert, die stellvertretende Generaldirektorin von Zoomlions Robotiksparte „Zhongke Yungu“.
Für die Entwicklung von Humanoiden sind Fabriken attraktiv, egal in welchem Umfeld die Zweibeiner später arbeiten sollen. Sie bieten eine strukturierte Umgebung mit wiederholbaren Abläufen, in der die Roboter unter harten Betriebsbedingungen lernen können.
Staub, Vibrationen und blendendes, gleißendes Licht können die Arbeit eines Roboters stören. Damit er eine ganze Schicht lang zuverlässig durchhält, braucht es das technische Wissen, das die Hersteller in Changsha über Jahrzehnte angesammelt haben.
An eigenständigen Arbeitsstationen erledigen die Roboter spezialisierte Aufgaben und sammeln dabei gleichzeitig Produktionsdaten. Zoomlions Humanoide machen Nachtschichten und übernehmen in der Schicht zuvor liegengebliebene Aufgaben. So wird das Training mit dem unmittelbaren Produktionsbedarf der Fabrik verknüpft.
Auch dies ist keine Einbahnstraße. Die Humanoiden passen sich nicht einfach an, sondern verändern auch allmählich die Art, wie Fabriken gebaut werden
„Wir entwickeln humanoide Roboter nicht einfach, um menschliche Arbeit zu ersetzen. Auf der Grundlage eines tiefen Verständnisses ihrer Eigenschaften gestalten wir gemeinsam Fertigungsprozesse und Managementsysteme neu“, zitierte Xinhua Zang Bing, stellvertretender Leiter des Zentrums für intelligente Fertigung bei Zhongke Yungu. (auf Chinesisch)
Zoomlion will bis Ende 2026 eine Fabrik für humanoide Roboter fertigstellen und in den nächsten fünf Jahren weltweit 1.000 bis 2.000 Roboter mit verkörperter KI in seinen intelligenten Fabriken einsetzen. Das sind Unternehmensangaben, die noch mit Vorsicht zu behandeln sind. Die Zahlen klingen aber erreichbar.
Sany verknüpft ebenfalls industrielle Nachfrage und KI-Entwicklung, aber auf andere Weise. Es richtete einen Innovationswettbewerb mit der „Central South University“ in Changsha aus, an dem sich 134 Teams beteiligten, zu Themen wie Baumaschinen, intelligenter Bergbau und intelligenter Fertigung. Der Wettbewerb hatte den Titel „Im KI-Zeitalter will Hunan wieder mit am Tisch sitzen“.
Erfolgreiche Projekte könnten Zugang zu Investmentfonds und industrieller Nachfrage erhalten. Das könnte KI-Start-ups helfen, Industriekunden zu finden, berichtete Huxiu.
Spezialisten unter den lokalen Unternehmen in Changsha zeigen, wie dieser ausgesprochen pragmatische Ansatz über Humanoide hinaus auf verschiedene Anwendungen von Physical AI angewendet wird. Speedbot entwickelt industrielle Physical AI und Software für die dreidimensionale Bildverarbeitung. Die Systeme dienen als Augen und Gehirn für schwere Maschinen und lassen sich unter anderem für industrielle Prüfaufgaben nutzen.
Die Produkte von Speedbot werden bereits in der Automobil- und Baumaschinenfertigung eingesetzt. Auch solche Anwendungen verbinden KI mit einer klar erkennbaren Produktionsaufgabe.
Changshas langjährige Fertigungskompetenz kommt auch der gerade entstehenden Robotik-Lieferkette zugute. Lens Technology, ein wichtiger Apple-Zulieferer, hat begonnen, seine Fähigkeiten in der Präzisionsfertigung in ein neues Geschäft mit Robotikkomponenten einzubringen.
Das Unternehmen beginne mit der Serienfertigung von Gelenkmodulen, Roboterhänden und Steuerungen für Hersteller von Humanoiden wie AgiBot, berichtete Xinhua. Nützliche zweibeinige Roboter brauchen hochwertige Hardware ebenso sehr wie Intelligenz.
In Changsha glauben Unternehmer und städtische Beamte, dass genau da ihre Stärke liegt. „Eine Handlung einmal im Labor auszuführen und sie jeden Tag Hunderte oder Tausende Male an einer Produktionslinie zu wiederholen, sind zwei völlig verschiedene Dinge“, wird ein Vertreter von Zoomlion zitiert.
