➤ Deep Dive
_________
Die KI auf Chinas neuem Handelskorridor zum Meer
Auf dem Pinglu-Kanal leiten KI-Agenten den Schiffsverkehr
Published on Oct. 14, 2026

Infographic: Asia Waypoint
Im 20. Stock des Kanalgebäudes in der Songxiang-Straße 10 in Nanning arbeiten KI-Agenten Seite an Seite mit menschlichen Disponenten. Auf großen Computerbildschirmen sind Schiffe zu sehen, die anlegen, Schleusen passieren und auf den Flüssen und Kanälen der Region unterwegs sind.
Unterstützt werden sie vom „Smart Water Transport Large AI Model“. Es verarbeitet mit seinen Algorithmen Daten aus Schleusen und Häfen und kann über Chinas Beidou-Satellitennetz die Schiffe und Schleusenbewegungen in Echtzeit verfolgen.
Seit September wird der Schiffsverkehr auf dem neu gebauten Pinglu-Kanal, im Tiefwasserhafen am Golf von Tonkin und auf den nahe gelegenen Flüssen mithilfe von KI gesteuert. Es gebe bereits erste Effizienzgewinne, berichtete Renmin Wang, die Onlineausgabe der Zeitung People’s Daily, am 8. Oktober 2026 (auf Chinesisch).
Zwei KI-Agenten helfen bei der Planung des Schiffsverkehrs auf den Binnengewässern und im Tiefwasserhafen von Qinzhou.
Der erste Planungsagent steuert 5.000-Tonnen-Binnenschiffe bei ihrer Fahrt durch die zahlreichen Schleusen bis zur Küste. So bleiben ihnen unnötige Verzögerungen erspart. Zugleich werden sie so gelenkt, dass sie genau im richtigen Moment bei den auf sie wartenden Seefrachtern ankommen.
Der zweite Planungsagent kann innerhalb von Minuten Liegeplatz- und Abfahrtspläne für die Seefrachter erstellen. Zeit ist Geld für die Reeder und ihre Kunden. Die KI sorgt dafür, dass möglichst wenig davon verloren geht.
Wenn ein Mitarbeiter im Hafen früher einen Liegeplatzplan für die nächsten 72 Stunden erstellen wollte, musste er jede Vorgabe einzeln prüfen. Es gibt Vorrangregeln für bestimmte Schiffstypen und Beschränkungen für Liegeplätze, sobald ein Schiff Gefahrgut geladen hat. All das habe in der Regel mehr als eine Stunde gedauert, sagte Lin Yuchao, ein Planer am Honggang-Terminal in Qinzhou, der chinesischen Wissenschaftszeitung Keji Ribao.
Jetzt erstelle der KI-Agent „innerhalb weniger Minuten“ einen solchen Plan, der sämtliche Vorgaben einhält. Er werde dann von einem Menschen geprüft und anschließend dem leitenden Disponenten vorgelegt. „Das hat nicht nur den täglichen Arbeitsaufwand erheblich reduziert, sondern auch die Regelkonformität und Genauigkeit der Planung verbessert“, sagte Lin.
Auch für die Schiffsführer, die den Kanal befahren, ist das Leben einfacher geworden. Früher mussten sie vor jeder Schleusung eine eigene Anmeldung einreichen. Heute registrieren sie sich per Smartphone in einem WeChat-Miniprogramm, und die Plattform übernimmt die Anmeldung für die gesamte Fahrt.
„Sie müssen mir nur sagen, wo Sie abfahren und welchen Hafen Sie ansteuern. Sie geben das einmal an, und die Plattform sagt Ihnen, wie Ihre gesamte Fahrt geplant wird“, erklärte Chen Zisong, stellvertretender Leiter der Abteilung für Schifffahrt in Guangxi, einem Reporter des Nachrichtenportals
Fengmian Xinwen. „Wir nennen das nahtlose Fluss-See-Schifffahrt.“
Vor mehr als 2.000 Jahren erfanden chinesische Ingenieure eine Anlage, die als eine der frühesten Schiffsschleusen der Welt gilt. Damit konnten sie Schiffe heben und senken und so durch bergiges Gelände führen.
Für Chinas Kaiser war es zu allen Zeiten eine ihrer wichtigsten Pflichten, mit einer leistungsfähigen Infrastruktur den Wohlstand ihrer Bevölkerung zu mehren. Sonst verloren sie das „Mandat des Himmels“, das ihre Herrschaft legitimierte. Diese Erwartung an die Herrschenden in Peking hat sich nicht geändert. Wer sie zu erfüllen versucht, baut heute einen Kanal mit einem künstlichen Gehirn.
Die KI für den Pinglu-Kanal wurde vom Forschungsinstitut für Wasserverkehrstechnik in Tianjin entwickelt, das dem Verkehrsministerium untersteht. Informatiker in Guangxi und Shanghai nahmen teil. Der Kanal selbst ist der erste Fluss-See-Kanal seit 1949, der in China auf nationaler Ebene geplant und koordiniert wurde.
Die KI für den Pinglu-Kanal arbeitet auf mehreren Ebenen. Das große KI-Modell erfasst betriebliche Ziele und analysiert komplexe Betriebsbedingungen. Dabei berücksichtigt es Wasserstände, Wetterdaten und die besonderen Anforderungen von Gefahrgut. Kleinere KI-Modelle berechnen dann auf dieser Basis Schleusungspläne und Liegeplatzzuweisungen.
Menschliche Disponenten bleiben ein wichtiges Glied in der Kette. Ein Plan mag blitzschnell fertig sein, aber jemand muss trotzdem die Verantwortung tragen und den Plan freigeben. „Nachdem er von einem Menschen geprüft worden ist und kleine Änderungen vorgenommen worden sind, kann er dem leitenden Disponenten vorgelegt werden“, sagte Lin.
Das System ist seit Juli in Betrieb, als erste Tests durchgeführt wurden. Jetzt, nach der Eröffnung des Pinglu-Kanals, nimmt der Schiffsverkehr rasch zu. Für eine umfassende Bewertung ist es noch zu früh, doch erste Berichte deuten auf erhebliche Effizienzgewinne hin.
„An Pilotterminals im Hafen von Qinzhou ist die Zeit für die Erstellung von 72-Stunden-Plänen für die rund um die Uhr stattfindenden Schiffsankünfte und -abfahrten von anderthalb Stunden auf weniger als eine Minute gesunken“, schrieb Renmin Wang.
„Die Reaktionszeiten bei Notfällen haben sich von Stunden auf Minuten verkürzt. Auch die durchschnittliche Wartezeit der Schiffe auf einen Liegeplatz ist um zwei Stunden gesunken“, berichtete das Portal.
Zum Schutz des Ökosystems verfügt das Projekt außerdem über Chinas erste Wanderhilfe für Aale und eine Fischtreppe mit vertikalen Schlitzen. „Die KI kann die Bewegungen der Fische in Echtzeit überwachen“, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua.
Der Pinglu-Kanal ist nur 134,2 Kilometer lang, doch er wird bisweilen als „Chinas Infrastrukturprojekt des Jahrhunderts“ bezeichnet. Die South China Morning Post nennt ihn einen „Meilenstein in der modernen chinesischen Geschichte“.
Diese Superlative verdankt der Kanal nicht dem Einsatz von KI. Er war vielmehr das „Missing Link“, das fehlende Puzzle-Teil in einer neuen wichtigen Handelsroute im Westen Chinas. Sie verschafft den vergleichsweise unterentwickelten Provinzen im Landesinneren einen alternativen, kürzeren Zugang zum Meer.
Der Kanal verkürzt den Transportweg für Waren aus Südwestchina zum Meer im Vergleich zu den traditionellen Routen über Häfen in Guangdong um mehr als 560 Kilometer.
Der Pinglu-Kanal soll den Handel zwischen China und den ASEAN-Staaten in Südostasien erleichtern, darunter Vietnam, Thailand, die Philippinen und Indonesien.
Alle ASEAN-Staaten zusammen sind seit vielen Jahren Chinas größter Handelspartner. Die Wasserstraße ist auch mit wichtigen Eisenbahnlinien von China nach Europa verbunden. Der Pinglu-Kanal eröffne „einen neuen Weg zum Meer für Westchina“, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua.
Offiziell nennt Peking die westliche Handelsroute den „Neuen Internationalen Land-See-Handelskorridor“. Chinesische Medien sagen voraus, der Kanal werde die Logistikkosten um 18 bis 30 Prozent senken und jedes Jahr mehr als fünf Milliarden Yuan (ungefähr 670 Millionen Euro) an Transportkosten einsparen.
Wichtiger als Kosten oder Einsparungen ist das politische Kalkül. Weil chinesische Exporte in Europa und den USA auf immer höhere protektionistische Hürden stoßen, nimmt die Bedeutung des ASEAN-Marktes mit seinen 693 Millionen Menschen für Chinas Wirtschaft stetig zu.
„Dieser Kanal verändert die Spielregeln. Er ist eine physisch gebaute Antwort auf eine wirtschaftliche Realität. Asiens Wachstum wird regionaler und vernetzter“, schrieb die South China Morning Post.
Beim Bau des Kanals scheute Chinas Regierung keine Mühe. Sein oberer Abschnitt musste durch das bergige Hinterland Guangxis gesprengt werden. Drei gewaltige Schleusenkomplexe, die beladene Schiffe von bis zu 5.000 Tonnen heben können, überwinden jetzt das Gefälle von 65 Metern zwischen Nanning und dem Meer.
Aus der Perspektive der Pekinger Zentrale hängt viel davon ab, ob diese großen KI-Modelle und -Agenten tatsächlich die Effizienzgewinne erbringen, die ihre Entwickler versprechen.
