China setzt bei der Energiewende auf KI im Stromnetz
Große Modelle übernehmen die Stabilisierung der durch Solar- und Windenergie notorisch instabilen Versorgung
Published on Jan. 09, 2026

"AI + Guangming Foundation Model". Photo: State Grid Shanghai Electric Power Company
Künstliche Intelligenz spielt eine immer wichtigere Rolle für Chinas Energiewende.
In den vergangenen Jahren hat das Land weltweit die größten Kapazitäten an Wind- und Solarenergie installiert und beschleunigt diesen Ausbau gerade noch weiter, um ehrgeizige Klima- und Dekarbonisierungs-Ziele zu erreichen.
KI kommt zum Einsatz, um den Betrieb des gesamten Systems aufrechtzuerhalten und Reibungsverluste während der größten und schnellsten Transformation zu minimieren, die je ein Stromnetz auf dieser Erde erlebt hat.
Chinas gesamte installierte Stromerzeugungs-Kapazität hat bis Ende Oktober 2025 rund 3,75 Milliarden Kilowatt (kW) erreicht. Davon entfielen fast 2,2 Milliarden kW auf erneuerbare Energien, was 59,1 Prozent der gesamten installierten Leistung entspricht, zeigen Daten der Nationalen Energieverwaltung (NEA) in Peking.
Diese Zahlen sind derzeit die aktuellsten, die offiziell verfügbar sind. Sie belegen, dass China beim Ausbau erneuerbarer Kapazitäten weltweit mit großem Abstand führt.
Gleichzeitig beschleunigt sich das Tempo des Wandels weiter. Bis Oktober des vergangenen Jahres war die installierte Solarleistung im Jahresvergleich um weitere 43,8 Prozent auf 1,14 Milliarden kW gestiegen, während die Windkraft-Kapazität um 21,4 Prozent auf 590 Millionen kW zunahm.
Auch wenn der Aufbau dieses jetzt schon weltweit größten Systems erneuerbarer Energien China zu einem Vorbild für viele Länder macht, bleibt es aufgrund seiner Bevölkerungs- und Wirtschaftsgröße weiterhin der größte Emittent von Treibhausgasen. Der anhaltende Ausbau grüner Energie stellt das Stromnetz nun vor weitere Belastungen.
Wind- und Solarstrom tragen zwar dazu bei, Emissionen zu senken und die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern, doch sie haben ihren Preis. Da ihre Leistung stark mit Wetter und Tageslicht schwankt, ist es zu einer erheblichen Herausforderung geworden, Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten.
Stromsysteme müssen sich permanent im Gleichgewicht befinden, Erzeugung und Verbrauch müssen übereinstimmen. Bei Wind- und Solarenergie schwankt die Einspeisung jedoch stark je nach Wetter und Tageszeit.
Das Wachstum der erneuerbaren Kapazitäten hat den Ausbau von Speicherlösungen und flexiblen Erzeugungsformen, die das System stabilisieren könnten, deutlich überholt.
„Mit dem weiteren Anstieg der installierten Kapazität erneuerbarer Energien zeigen sowohl Erzeugungs- als auch Verbrauchsseite ein hohes Maß an Unberechenbarkeit, Volatilität und Unsicherheit“, schrieb kürzlich die Shanghaier Zeitung Jiefang Ribao.
Das traditionelle, einseitige Betriebsparadigma des „Erzeugers, der der Last folgt“, und eine Echtzeit-Steuerung reichen nicht mehr aus, um das Gesamtsystem im Gleichgewicht zu halten, heißt es in dem Kommentar.
„Es besteht ein dringender Bedarf, Energiemanagement und Echtzeitsteuerung durch einen interaktiven Mechanismus von Source-Grid-Load-Storage intelligent zu unterstützen“, heißt es weiter.
Wie Peking nun große KI-Modelle im ganzen Land ausrollen will, um dieses akute Problem zu lösen, lässt sich bereits in Shanghai studieren. Die Metropole hat ein „AI + Energy Guangming Large Model“ installiert.
Das große Modell „Guangming“ nutzt multimodale Wahrnehmung und dynamische Entscheidungsfähigkeiten. Mithilfe dieser Technologien hat der örtliche Netzbetreiber State Grid Shanghai Electric Power ein gesamtes Ökosystem zur Koordinierung von Angebot und Nachfrage aufgebaut. Virtuelle Kraftwerke sind ein zentraler Bestandteil des Systems.
Die KI unterstützt inzwischen Netzregelungs-Funktionen wie Spitzenlast-Management, Frequenzregelung, Lastverlagerung, Engpass-Steuerung und Störungsbehebung. Besonders wichtig ist die Fähigkeit zur präzisen Prognose.
Bislang hat das neue, KI-gestützte Energiesystem der Stadt Einsparungen von mehr als acht Milliarden Yuan (rund 1,2 Milliarden US-Dollar) ermöglicht und die CO₂-Emissionen um 510.000 Tonnen reduziert, berichteten lokale Medien.
KI bietet enorme Chancen für die Energie der Zukunft.
Nun beginnen die Planer des Landes, dieses Modell landesweit einzuführen. Auf der „Integrated Smart Energy Conference“, die am 26. Dezember 2025 in Peking stattfand, forderte Lu Junling, Chefökonom der Nationalen Energieverwaltung, eine „vertiefte Integration von Künstlicher Intelligenz und Energie“.
Neben den bis 2027 geplanten „zehn replizierbaren, förderfähigen und wettbewerbsfähigen Pilotprojekten“ im Rahmen des nationalen Programms „KI+ Energie“ gibt es zudem das konkrete Ziel, innerhalb der nächsten zwei Jahre „100 typische KI-Anwendungsszenarien“ auf Provinz- und Kommunalebene umzusetzen.
„KI bietet enorme Möglichkeiten für die Energie der Zukunft und kann eine kritisch wichtige Rolle spielen“, sagte Qian Zhimin, ein führender Beamter im Bereich Energiepolitik, in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua im Januar.
China habe erst begonnen, KI im Energiesektor einzusetzen, räumte der Beamte ein. In den kommenden Jahren wolle man jedoch schnelle Fortschritte erzielen.
