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Wann werden die humanoiden Roboter endlich nützlich?
Published on Feb. 06, 2026

„Wir brauchen keine Million tanzender humanoider Roboter!“ Diesen Aufruf stellte das chinesische Technologieportal Tencent Tech kürzlich über einen Bericht zur Entwicklung der Robotik in China (auf Chinesisch).
Viele Beobachter, selbst im technologiebegeisterten China, werden langsam müde, auf allen Kanälen immer mehr tanzende, Kungfu-boxende und Flip-Flops springende Humanoide zu sehen.
Wenn die humanoiden Roboter „im Jahr 2026 immer noch lediglich tanzen und herumalbern“, dann sei das eine Sackgasse, zitierte das Portal einen Investor.
Immer häufiger ist die Frage zu hören, wann die Zweibeiner endlich zu „echter Arbeit“ zu gebrauchen sind.
Genau das hat allerdings gerade begonnen. Etwa bei CATL, dem größten Batteriehersteller der Welt, wo seit Dezember Humanoide der Marke "Kleiner Mo" (Xiaomo) in einer Fabrik in Zhongzhou in der Nähe von Luoyang, Provinz Henan, im Einsatz sind.
Dank künstlicher Intelligenz handelt es sich hier um „smarte Roboter“, die nicht mehr lediglich für sehr einfache, ständig wiederholte Aufgaben programmiert worden sind.
Vielmehr kann „der Kleine Mo“ mit seiner Sensorik und seinen KI-Algorithmen Aufgaben übernehmen, für die bei CATL gewöhnlich Facharbeiter benötigt werden. Er führt sogenannte „End-of-Line"- oder EOL-Tests von Akkupacks durch, sowie DCR-Messungen.
Solche Arbeiten sind nicht nur relativ komplex, sondern für menschliche Mitarbeiter auch gefährlich. Hin und wieder kann es dabei zu tödlichen Stromschlägen kommen.
Auch in anderen Werkhallen in China tauchen derzeit schon nach und nach erste Gruppen von Humanoiden an den Produktionslinien auf, unter anderem in einer Waschmaschinenfabrik von Midea in Jingzhou.
Dort kooperieren die zweibeinigen Roboter mit 14 KI-Agenten, die von einem Zentralrechner aus sämtliche wichtigen Prozesse im Werk steuern. Die Humanoiden werden für DMS, TPM, EHS sowie in der Qualitätssicherung eingesetzt.
Sie arbeiten Seite an Seite mit den Cobots, die in der Waschmaschinenfabrik noch immer in der Überzahl sind.
Im vergangenen Jahr habe Chinas Robotikindustrie „einen historischen Wendepunkt erreicht“, schrieb kürzlich die Börsenzeitung des chinesischen „Star Market“, Kechuangban Ribao.
Die Humanoiden seien von „Demonstrations-Objekten im Labor“ zu Werkzeugen geworden, die an der Fabrikproduktion teilnehmen, schrieb das Börsenblatt.
Anders formuliert erlebt die Technologie humanoider Roboter gerade eine erste Phase der Validierung durch Einsätze in der Industrie.
Ein Blick auf die Verkaufszahlen von Humanoiden zeigt, dass diese Validierung gerade erst begonnen hat. Lediglich 13.317 humanoide Roboter seien 2025 weltweit ausgeliefert worden, zitiert Tencent Tech aus einem Bericht der britischen Marktforschungsagentur Omdia.
Die meisten davon kommen aus China. Zhiyuan Robot (AgiBot) hat 2025 dieser Statistik zufolge 5.168 Stück verkauft, Unitree Robotics 4.200 Stück und UBTECH rund 1.000 Stück. Bei allen weiteren aufgezählten Robotikfirmen waren es weniger als tausend Einheiten. Für Tesla hat Omdia für das vergangene Jahr 150 verkaufte Humanoide gezählt.
Manche dieser Daten werden von den beteiligen Unternehmen bestritten. Es geht darum, wer etwas mehr oder weniger verkauft hat. Niemand behauptet allerdings, 2025 mehr als ein paar tausend Humanoide an Kunden übergeben zu haben.
„Die meisten Firmen für humanoide Roboter müssen erst noch relevante Produktionskapazitäten liefern“, kommentiert Tencent Tech. Diese hätten noch lange nicht das Volumen der industriellen Roboter erreicht. Es sind also die Cobots und alle ihre Verwandten, die in Fabrikhallen rund um die Erde fleißig arbeiten während die Humanoiden vorwiegend im Fernsehen und auf Tiktok tanzen und die Zuschauer mit Flip-Flops begeistern.
Komplette Zahlen für 2025 liegen für Industrieroboter noch nicht vor, aber eine Hochrechnung der International Federation of Robotics (IFR) in Frankfurt spricht für das vergangene Jahr von rund 575.000 Installationen.
Die meisten Analysten, auch in China, sagen dem Segment der Humanoiden jedoch ab jetzt ein explosionsartiges Wachstum voraus.
Die kommerzielle Skalierung sowohl in der Industrie als auch im Verbrauchermarkt für sogenannte „Companion-Roboter“ oder „Service-Roboter“ (etwa am Empfang oder im Restaurant), habe gerade erst begonnen und werde sich nun stark beschleunigen, heißt es.
Ende Januar hat Morgan Stanley seine Prognose für den Verkauf von Humanoiden im laufenden Jahr von 14.000 auf 28.000 Einheiten verdoppelt. Für das Jahr 2035 sagt Omdia einen globalen Verkauf von 2,6 Millionen Humanoiden voraus.
Was wir gerade beobachten, ist also eine sehr junge Industrie. Die Humanoiden unserer Gegenwart ähneln Kindern, die tanzen und sich austoben, bevor für sie der Ernst des Lebens beginnt. Schon bald aber werden wohl sehr viele von ihnen in der Fertigungsindustrie hart arbeiten müssen.
