CHINA AI2X BRIEFING

How AI is reshaping China’s Industries


Deep Dive

_________

Eine Milliardenschlacht um die "Super-Gateways" der Künstlichen Intelligenz

Alibaba und andere Tech-Giganten führen Konsumenten ins Zeitalter der agentischen KI

Published on Feb. 21, 2026

Kann ein kostenloser Bubble Tea Alibaba zum Super-Gateway im chinesischen Internet machen? Der Internetgigant hofft es zumindest. Das Unternehmen hat gerade 3 Milliarden Yuan (370 Millionen Euro) für eine Marketingkampagne zum chinesischen Neujahr ausgegeben.

Über seine KI-App „Qwen“ verschenkte Alibaba Bubble Tea. Zehn Millionen Chinesinnen und Chinesen lernten so zum ersten Mal, wie agentische KI im E-Commerce funktioniert.

Sie mussten nur sagen: „Bring mir einen Bubble Tea“, und Qwen erledigte den Rest. Das ist keine KI zum Vergleichen von Produkten oder zur Suche nach Informationen mehr. Das ist KI zur Ausführung der Transaktion.

Agentische KI verlässt gerade den Computerbildschirm und macht erste Schritte in die reale Welt, wo sie ganz reale Umsätze generiert.

Alibaba hofft, dass die Kundinnen und Kunden künftig mit derselben App noch viel mehr kaufen werden. Sie können etwa sagen: „Reserviere um 19 Uhr einen Tisch für sechs Personen in einem schönen Restaurant in der Innenstadt und bestell ein ausreichend großes Taxi, das uns rechtzeitig abholt.“

Qwen sucht dann ein passendes Restaurant, überprüft den Verkehr bis dorthin auf Staus, berechnet den richtigen Zeitpunkt zum Losfahren, bestellt das Taxi und bezahlt es. Es tut all das, ohne eine einzige andere App zu öffnen.

Das markiert einen Wendepunkt in der Nutzung von KI. Sie wird nicht mehr nur für Recherche oder Empfehlungen eingesetzt. Die Nutzer überlassen ihr Entscheidungen und Handlungen. KI wird zu einem neuen Betriebssystem des E-Commerce.

Hotels, Reisen, Autos, Immobilien – künftig könnte vieles auf diese Weise verkauft werden. Alibaba integriert die neue Technologie auch schon in B2B-Transaktionen.

Die Auswirkungen auf die Welt des Marketing werden enorm sein. Auch für große KI-Unternehmen, die nach Geschäftsmodellen jenseits ihrer Chatbot-Abonnements suchen, gibt es hier Lektionen zu lernen.

Agentische KI ist gerade in der realen Welt angekommen.

Auch wenn es in dieser Geschichte natürlich um weit mehr als nur eine Tasse Tee geht, und auch um weit mehr als nur E-Commerce, lohnt sich ein etwas genauerer Blick auf diese Bubble-Tea-Aktion.

Sie funktionierte so: Wer die KI-App Qwen von Alibaba aktualisierte oder sie einem neuen Nutzer empfahl, konnte sich für 1 Fen (also für die symbolische Summe von 0,001 Euro) einen Bubble Tea im Wert von 25 Yuan bestellen.

300.000 Teeläden in ganz China wurden überrannt. Die App stürzte kurzzeitig ab. Innerhalb von neun Stunden wurden mehr als zehn Millionen nahezu kostenlose Bestellungen im Wert von 250 Millionen Yuan (etwa 31 Millionen Euro) ausgeliefert.

Die Kampagne war ein sofortiger Erfolg. Alibabas KI-App Qwen sprang von Platz 10 auf den Spitzenplatz im chinesischen App Store von Apple und blieb dort sechs Tage in Folge. Die täglichen aktiven Nutzer (DAU) stiegen innerhalb eines Tages von 18,28 Millionen auf 73,52 Millionen.

Auch wenn die Aktion an frühere „Rote-Umschlag“-Kampagnen während des Frühlingsfests erinnert, war die Strategie diesmal deutlich umfassender.

Alibaba wollte nicht nur seine App bewerben, sondern den Einsatz von agentischer KI als alltägliches Nutzerverhalten etablieren.

Das Unternehmen setzt darauf, dass die Verbraucher bereit für die dritte Phase der KI-Entwicklung sind. Die erste lässt sich als „Frage-und-Antwort-Ära“ beschreiben – Chatbots wurden genutzt, um Informationen zu suchen oder Texte zu schreiben.

Die zweite Phase drehte sich um den Einsatz von KI-Tools zur Erstellung von Präsentationen, zur Zusammenfassung von Besprechungsprotokollen oder zur Erledigung anderer Büroaufgaben. Chatbots wurden produktiver, aber nur bei Bedarf geöffnet.

Nun hat die dritte Phase begonnen, in der KI zu einer Art persönlicher Assistent wird, der unterschiedlichste alltägliche Aufgaben übernimmt.

Mit einfachen Sprachbefehlen kann sie ganze Aufgabenketten ausführen, Funktionen in anderen Anwendungen aufrufen und alles erledigen – von der Bestellung von Bubble Tea und Kinotickets bis hin zum Abschluss einer neuen Krankenversicherung – einschließlich Bezahlung.

Alibaba-Vizepräsident Wu Jia brachte den Wandel auf den Punkt: „Wir bewegen uns von einer KI, die reagiert, hin zu einer KI, die handelt.“

Diese Strategie lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres kopieren. Dafür braucht es ein Ökosystem aus E-Commerce-Plattformen, Zahlungsfunktionen und Zustelldiensten, die mit Alibabas Infrastruktur vergleichbar sind. Nur wer zuverlässig liefert, gewinnt das Vertrauen der Nutzer.

Dennoch: Wie KI hier in die Orchestrierung und Ausführung von Geschäftsprozessen eingebunden wird, ist für jedes Unternehmen einen Blick wert.

„Das ist keine KI als „Add-on“ für bestehende Dienste. Das ist KI als Schnittstelle, über die Dienstleistungen ausführbar werden“, schrieb Mark Greeven, Professor für Management und Innovation am International Institute for Management Development (IMD), in einem Beitrag für das Magazin Forbes.

Alibaba war nicht das einzige chinesische Tech-Unternehmen, das zum chinesischen Neujahr massiv in die Vermarktung seiner neuen KI-Apps investierte. Auch Tencent, Baidu und ByteDance gaben enorme Summen aus.

Insgesamt investierten sie in den vergangenen Wochen rund 4,5 Milliarden Yuan, umgerechnet etwa 550 Millionen Euro, in ihre
Marketingkampagnen, berichtete das chinesische Nachrichtenportal Pengpai Xinwen.

Die Unternehmen wollen zu den neuen „Super-Gateways“ im Interent des KI-Zeitalters werden. Damit verschiebt sich der Wettbewerb weg von technischen Parametervergleichen der LLM und hin zu der Frage, wer KI am besten monetarisieren kann.

Keep Reading